Wienux-Projekt erleidet herben Rückschlag
Wienux, ein Linux-Projekt für die Stadt Wien (mehr zu Wienux hier) hat aktuell einen derben Rückschlag erlitten – Heise berichtet darüber. 750 von 1000 städtischen Computern, die ehemals mit Microsoft Windows 2000 betrieben wurden, anschliessend aber auf Linux migriert wurden, wurden nun aber wieder für die Microsoft-Welt dazugewonnen – das Geschehen schlägt politische Wellen.
Marie Ringler, Gemeinderätin & Bundestagsabgeordnete in Wien (die Grünen) zeigt in einer Pressemeldung der Grünen Ihre Empörung über den aktuellen Vorfall. Aber worum geht es in dieser Story überhaupt? Hintergrund ist folgender.
Seit 2005 bietet die Stadt Wien am Arbeitsplatz alternativen zu proprietärer Software an. Computerarbeitsplätze werden beispielsweise in einer eigens für das Wienux-Projekt angefertigten Debian-Variante, OpenOffice und Firefox angeboten. Ziel des Ganzen ist es allen Mitarbeitern eine Alternative zu bestehenden Lösungen anzubieten, welche – naja kurz und prägnant ausgedrückt “Aus dem Hause Microsoft kommen”. Natürlich wird das Vorhaben mit dem Vorwand der Kostenersparnis und einem Touch Unabhängigkeit von Softwarekonzernen gerechtfertigt. Wer jedoch zwischen den Zeilen lesen kann, findet eigentlich ausschliesslich Verweise auf Microsoft, das ach so schlechte Vista und das überteuerte Microsoft Office. Laut offiziellen Angaben konnten mit OpenOffice sagenhafte 62€ eingespart werden. WoW – nicht schlecht! In diesem Zusammenhang frage ich mich, wie viele Stunden die Mitarbeiter gebraucht haben, um den Wechsel von Microsoft Office zu OpenOffice dahingehend zu verdauen, dass man tatsächlich wieder produktiv arbeiten konnte. Ich glaube kaum, dass dieser Wert in die Kalkulation eingeflossen ist.
Natürlich kann ich es verstehen, dass man darum bemüht ist Unabhängigkeiten zu schaffen, das IT-Budget zu schonen und die Open Source Community zu unterstützen – alles wunderbare Dinge – folgende Aussage stösst jedoch auf Unverständnis.
Und eine Migration von Windows 2000 auf Windows Vista ist, nachdem sich das System in Wirtschaft und Verwaltung aufgrund technischer Probleme, hoher Hardwareanforderungen und unklarer Sicherheit bisher nicht durchsetzen konnte, keine klare Entscheidung – vor allem, da Microsoft selber bereits Werbung für den Nachfolger, Windows 7, macht, der Anfang 2010 auf den Markt kommen soll – genau der Zeitpunkt, zu dem die Migration auf Vista abgeschlossen sein soll.
Nehmen wir Frau Ringlers Statement doch ein Mal auseinander.
…unklarer Sicherheit…
Golem hat darüber berichtet – Jeff Jones von CSO Online zeigt in seinem “Windows Vista – 6 Months Vulnerability Report” auf, dass Windows Vista im direkten Vergleich mit einigen anderen nahmhaften Betriebssystemen im Zeitraum von sechs Monaten nach seiner Veröffentlichung
1. die wenigsten schwerwiegenden Sicherheitslücken aufweist und
2. die wenigsten bekannten aber bislang ungelösten, schwerwiegenden Sicherheitslücken aufweist.
Darüber hinaus hat Windows Vista im benannten Zeitraum ab Veröffentlichung nur halb so viele schwerwiegende Sicherheitslücken, wie der Zweitplatzierte Kontrahent Mac OS X 10.4.
So viel zum Thema “unklare Sicherheit”.
…in Wirtschaft [...] nicht durchsetzen konnte.
Joe Wilcox von der Microsoft Watch zeigte bereits September 2007 einen TCO-Vergleich zwischen Windows Vista und Windows XP. Der Beitrag ist hier auf seiner Website zu finden. Windows XP hat sich weltweit auf breiter Linie durchgesetzt, Windows Vista wird diese Erfolgsstory fortführen. Ok, bliebe vielleicht noch zu sagen, dass man für Windows Vista einen besseren Computer benötigt, als es seiner Zeit für Windows 2000 ausreichend war – Kritiker und Microsoft-Hasser werden jetzt natürlich lauthals auf sich aufmerksam machen “Siehste, für dieses blöde Vista brauche ich neue Hardware – das lohnt sich nicht!”. Sorry, vergleichen wir gerade Äpfel mit Birnen? Wer vor einigen Jahren einen neuen Computer mit Windows 2000 erworben hat, und heute versuchen würde auf dieser Maschine ein aktuelles Suse Linux Enterprise Desktop 10 anständig lauffähig zu machen, der würde spätestens nach erfolgreichem Abschluss dieses Vorhabens meckern “Bei jedem Programm, was ich öffne, kann ich wieder Kaffee nachschütten gehen.” Fakt ist: Ein aktuelles Linux-Betriebssystem steht einem aktuellen Microsoft-Betriebssystem in Betrachtung der Hardwareanforderungen in nichts nach. Dieses Urgespinnst “Linux läuft auch auf alter Hardware” hat sich wacker gehalten, gilt bei objektiver Betrachtung, bzw. bei einem objektivem Vergleich aktueller Betriebssysteme jedoch nicht mehr.
Es sei zu erwähnen, das bei der Wirtschaftlichkeit eines Betriebssystems auch in Betracht gezogen werden sollte, mit welcher Hardware das Betriebssystem funktioniert. Windows Vista unterstützt tausende Hardwaregeräte unterschiedlichster Hersteller und bietet ein hervorragendes Erlebnis bei der Installation von Gerätetreibersoftware. Ich habe kürzlich meinen Blackberry via USB an mit meiner Vista-Maschine verbunden – der Treiber war im Betriebssystem zwar nicht integriert, Windows Vista hat mir jedoch angeboten selbstständig nach einem passendem Treiber im Internet zu suchen. Ich war damit einverstanden, das System hat einen Treiber gefunden, installiert und das Thema war vom Tisch. Ohne sarkastisch zu werden, möchte ich ein Mal die Frage stellen, wie viele Geräte andere Betriebssysteme anbieten und wie mühevoll deren Installation sich gestaltet.
…in Verwaltung [...] nicht durchsetzen konnte.
Im Windows Vista Techcenter gibt es einen Beitrag zum Thema Verwaltung. Ich kann mir nicht erklären, (es sei denn man hat nicht aufmerksam recherchiert) wie es sein kann, dass derartige Verbesserungen nicht wahrgenommen werden. Möglicherweise will man sie nicht wahrnehmen. Die Verwaltbarkeit von Windows Vista hat im Vergleich zu Windows XP enorm zugenommen. Die Windows Firewall erlaubt nun granulanere Regelung des Datenverkehrs, die Eventlogs wurden stark erweitert, der Systemmonitor wurde massiv aufgebohrt, Gruppenrichtlinien wurden massiv aufgebohrt, man kann sogar definieren welche USB-Geräte angeschlossen werden und welche verboten sind. (Stichpunkt: “Datensicherheit”. Habe ich erwähnt, dass Datensicherheit unter dem Titel “Verwaltung” zu suchen ist?).
…vor allem, da Microsoft selber bereits Werbung für den Nachfolger, Windows 7, macht, der Anfang 2010 auf den Markt kommen soll…
Der Microsoft LifeCycle Support Page für Windows Vista ist zu entnehmen, dass Windows Vista sich bis 10.04.2012 in der Mainstream-Supportphase befindet. Extended Support läuft erst zum 11.04.2017 (!) aus – das sind nach heutigem Datum noch neun Jahre – wem das nicht genügt, dem kann einfach nicht geholfen werden – auch nicht in der Linux- oder Apple-Welt. Eine Erwähnung von ungelegten Eiern (und das ist Windows 7 zum aktuellen Zeitpunkt definitv) hat meiner Meinung nach im Kontext von Frau Ringlers Kommentar zum aktuellen Geschehen eigentlich nichts verloren. Windows 7 kann auch genausogut erst irgendwann in 2012 erscheinen. Ob 2010 oder 2012 oder sonstwan, hat hier und heute im Grunde genommen keine Bedeutung.
Frau Ringler, zum Ende Ihres Kommentares machen Sie folgende Aussage.
In den 2 Jahren und mit den 7,6 Millionen, die der Umstieg auf Vista braucht, wäre es möglich freie Alternativen zu entwickeln, die Wien längerfristig von der Lizenzpolitik eines einzelnen Konzerns lösen. Von den über 8000 IKT-Unternehmen in der Region Wien stellen über 1000 selber Open Source-Software her – warum investiert man hier nicht? Der Erfolg des letztjährigen IKT Calls des Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT) – der als grün-rotes Projekt von uns mitinitiiert wurde, zeigt: das wirtschaftliche Potential ist am Standort Wien groß.
Ich würde mich freuen, mit Ihnen in einen offenen Dialog einzugehen. Welche Probleme haben Sie speziell mit der Lizenzpolitik grosser Softwarekonzerne? Welche Konzerne sind insbesondere gemeint? Microsoft? Wenn ja, warum?
Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Investitionen in Individualprogrammierungen weitaus höher sind, als der Einsatz einer Standardsoftware. Eigenentwicklungen sind (spätestens) auf lange Sicht betrachtet öfters die kostspieligeren Lösungen – verglichen mit Standardsoftware, die die gleiche Arbeit tut. Um eine Softwarelösung für ein Problem gibt es ein umfangreiches Echosystem herum. Die Rede ist von Weiterentwicklung, Dokumentation, Umfassenden Support, Patching, Reaktionszeiten und vieles andere, was zu einer erfolgreichen Software dazugehört. Bei Software von einem Konzern wie beispielsweise Microsoft einer ist, stimmt das Echosystem. Ein kleiner regionaler Anbieter würde ewig benötigen um ansatzweise vergleichbaren Service zu bieten. Das nur so als Anreiz für Ihre Gedanken.
Wie bereits erwähnt, Frau Ringler, würde ich mich sehr über Ihr Feedback freuen.
Kommentare anderer Leser sind natürlich auch gerne gelesener Input.
PS: Ich bin kein Linux-Hasser – ich setze Linux punktuell de Fakto selber ein. Ich bin kein Microsoft-Lobbyist – ich kann mich mit den herausragenden Leistungen und der hohen Qualität von Microsoft-Produkten und Services nur sehr gut arrangieren. Ich spreche aus Überzeugung.
Stadtverwaltung München schreibt:
Der Eintrag ist zwar schon etwas älter, aber dennoch tut es weh so etwas zu lesen. Es sei dir natürlich ungenommen deine Meinung in deinem Blog darzustellen, aber dennoch sollte man wenigstens darauf verweisen, dass es auch andere Sichtweisen gibt.
Fangen wir mal damit an, dass MS schon selber Werbung für Microsoft macht:
Selbstverständlich läuft der Support noch bis 2012, ABER Win XP läuft noch bis 2014, ist IMMER noch zu kaufen parallel zu Vista (was an Deutlichkeit über die Marktdurchdringung und Akzeptanz von Vista wohl alles aussagt).
“Windows Vista – 6 Months Vulnerability Report” bezieht sich auf ein frisches Vista ohne zusätzliche Software, der Vergleich waren Linux Distributionen mit mehr als 1000 Fremdpaketquellen und mehreren hundert Anwendungsprogrammen. Wenn man schon vergleicht, dann richtig!, also mindestens Microsoft Office, diverse Bild, Videobearbeitungsprogramme, einige Codecs und Verwaltungsprogramme (alle nur von MS ausgeliefert und nicht produziert). Erst DANN kann man vergleichen.
Was die Lizenzpolitik betrifft so kann ich selbstverständlich nichts über die Gründe der Verwaltung Wiens aussagen, jedoch einige Anregungen bieten. Ist es erstrebenswert eine gesamte Stadtverwaltung von einem Hersteller abhängig zu machen, auf den man keinerlei Einfluss ausüben kann und eventuelle Softwareprobleme nur mithilfe dieses einen Herstellers lösen kann? Was wenn das Problem nur bei dir auftaucht und der Hersteller dich als zu klein erachtet und das Problem nicht lösen möchte (Kostengründe usw.)
Aber wie gesagt dir steht natürlich deine Meinung zu (wir sind hier ja nicht bei professionellem Journalismus) und ich wollte nur dem Interessierten alternative Auslegungen aufzeigen.
Zum Abschluss vielleicht mal ein positiv Beispiel wie man auch ohne Abhängigkeit von einem Hersteller erfolgreich und kosteneffizient arbeiten kann:
Die Münchner Stadtverwaltung hat mittlerweile 9.500 ihrer knapp 14.000 Rechner auf Linux umgestellt und in Zuge dessen komplette Arbeitsabläufe automatisieren lassen (Auftragsprogrammierung). Wie du oben bereits angemerkt hast ist Auftragsprogrammierung nicht gerade billig zu haben und doch sparen sie damit immer noch jedes Jahr Geld gegenüber der früheren Windows Lösung (trotz Mehrausgaben für Mitarbeiterschulung). http://www.muenchen.de/Rathaus/dir/limux/publ/242906/presseinfo.html
Man sieht: Man muss es nur richtig angehen und es funktioniert ;-)
19.3.2009 um 21:08
Peter Piksa schreibt:
Hallo namenloser,
vielen Dank für Deinen sachlichen Kommentar.
Zu aller erst möchte ich auf zu folgender Aussage Stellung nehmen.
Klingt nach einem Vorwurf, aber machen nicht alle Hersteller Promo für sich selbst und die eigenen Produkte?! Nun zum eigentlichen. Leider verfehlt Deine Aussage zu den Supportphasen die Fakten. Fakt ist (es sei denn ich interpretiere die offiziellen Dokumente von Microsoft falsch, was ich nicht 100%ig ausschliessen mag), dass die Mainstream Support Phasen für Vista und XP wie folgt lauten:
• Windows Vista (Business) – 10.04.2012
• Windows XP – 10.04.2009
Das, worauf Du Dich beziehst (XP = 2014) ist der Extended Support. Extended Support ist kostenpflichtiger Support, das heisst an dieser Stelle wurden Deinerseits Äpfel mit Birnen verglichen. Schau mal auf folgende Links, dann wird es begreifbarer:
http://support.microsoft.com/lifecycle/?p1=3223
http://support.microsoft.com/lifecycle/?p1=11707
Ich hoffe es ist klar geworden, dass Microsoft mit Windows Vista ganz und gar nicht glaubt man hätte ein Produkt auf den Markt gebracht, was schlecht ist. Auch wenn viele Medienberichte diesen Eindruck erwecken wollen. Die Entwicklung von Windows 7 wird oft so dargestellt, als wollte Microsoft den Patzer Windows Vista kaschieren. Das ist ein Irrglaube. In der Product Roadmap war bereits vor dem Release von Windows Vista der zweite Entwicklungsschritt Windows Vista R2 angekündigt. Microsoft fährt diesen Kurs, um die Major-Produkte näher am Kunden zu orientieren. Was heute unter Windows 7 bekannt ist, war in der Roadmap also eigentlich als Windows Vista R2 von langer Hand vorbereitet gewesen. Natürlich hatte hier jedoch das Marketing ein Wörtchen mitzureden: Während man in der Serverschiene ruhig das R2-Suffix dranhängen kann, muss für den Consumermarkt natürlich ein einprägsamer Name her – so kam es zu Windows 7. Nochmal: Windows 7 ist kein Versuch seitens Microsoft einen angeblich verpatzten Productlaunch von Windows Vista zu kaschieren.
Der nächste Part, zu dem ich etwas sagen möchte
Deine Forderung Windows Vista mit Unmengen an Zusatzprogrammen in den Vergleich aufzunehmen, erscheint mir als gewagt bis unfair. Unfair weil ich der Meinung bin, kein Hersteller muss sich für Qualitätsmängel in der Software anderer Hersteller verantworten, wenn er sich von dieser klar distanziert. Wenn die Linux-Distributionen Softwarepakete anderer Hersteller in ihren Release mit aufnehmen, haben sie Sorge zu tragen, dass die Software geprüft wird. Wenn Sie das nicht können, sollen sie die Software nicht aufnehmen. Ich halte den Vulnerability Report für sehr aussagekräftig. Seine Glaubwürdigkeit stelle ich nicht in Frage. Dafür gibt es keinen Grund.
Ich denke gerade einen Schritt weiter. Nehmen wir an ich würde ein Betriebssystem programmieren, und hunderte Softwarepakete in dieses einpflegen, deren Entwicklung mir nicht obliegt. Dann würde ich mich bei einem Vulnerability Wettbewerb anmelden (ist jetzt rein fiktiv) und von den Testern erwarten, dass mein Betriebssystem (während das “mein” sich ja eigentlich nur auf das Basis-OS bezieht ;)) anders behandelt wird auf das eines Herstellers, der unter grossen Anstrengungen versucht den Menschen ein Produkt zu liefern, was in sich betrachtet stimmig ist. Ich glaube das wäre sehr unfair.
Zum zweiten und dritten Absatz deines Kommentares habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Sich von einem einzigen Hersteller abhängig zu machen, ist natürlich nicht sehr sinnvoll – zu gross sind die Gefahren irgendwann ein mal vor die Wand zu fahren. Ich gebe jedoch der Fairness halber zu bedenken: Wie gut soll die Lösung sein, die man haben will. Es gibt sicherlich Szenarien, in denen nur ein Hersteller die beste Qualität abliefern kann – dann muss man sich fragen: “Schraube ich meine Ansprüche zurück, um mehrere Standbeine zu haben?” Was ich im Grunde damit sagen will: Es gibt, wenn man die Sache gewissenhaft angeht, keine pauschale Antwort auf die Frage, ob man alles mit Microsoft machen oder lieber mischen soll. Dein Einzelfall mit all seinen Facetten muss betrachtet werden. Dein Schlusssatz erntet meine Zustimmung: Man muss es nur richtig (gewissenhaft) angehen und es funktioniert! :)
19.3.2009 um 22:54