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Ist Googles Angriff auf China wirklich so heldenhaft?

In der Nacht vom 12. auf den 13. Januar veröffentlichte Google in seinem Blog einen Artikel über einen Cyberangriff chinesischer Herkunft von bisher nicht dagewesenem Ausmaß. Nebst Google sollen aber noch etwa 20 weitere bis Dato nicht genannte Firmen angegriffen worden sein. Google behauptet in seiner Pressemeldung, es seien GMail-Konten von chinesischen Menschenrechtsaktivisten, die unter anderem Opfer des Angriffs geworden sind. Zwar hatten sich die die Hacker zu zwei Konten Zugriff verschafft, jedoch sollen sie nicht die Möglichkeit gehabt haben, die eigentlichen Inhalte der Emails zu lesen.

Plötzlich war der Angriff in aller Munde. Wirklich kritische Beobachtungen waren, bis auf einen Artikel von Kai Biermann für Zeit Online, im deutschsprachigen Raum nur wenige zu finden. Die meisten Berichterstattungen gingen nicht auf die fehlende Überprüfbarkeit der Behauptungen Googles ein. Stattdessen emotionalisierte in einem Videobeitrag, den ich abends im Fernsehen gesehen habe, die verantwortliche Nachrichtenagentur das Treiben einiger „trauernder Chinesen“ vor dem chinesischen Büro von Google. Ein paar Chinesen haben vor dem Bürogebäude Blumen auf das in einer Grasfläche eingebrachte Google-Firmenlogo niedergelegt, um Googles möglichen Ausstieg aus China schon im Vorfeld ein paar dicke Krokodilstränen nachzuweinen. Google hatte im Rahmen seiner Pressemeldung nämlich angekündigt, man würde jetzt darüber nachdenken, entweder sämtliche Tätigkeiten in China einzustellen, oder aber den chinesischen Ableger der eigenen Suchmaschine fortan ohne jegliche Zensur anbieten – was in den Augen vieler Menschen einer Kriegserklärung an China gleichkäme.

Einige Stunden bevor ich diesen Bericht im TV gesehen habe, ist mir im Internet ein Link zu einer Seite zugeflogen, welche ziemlich detailgetreu darstellte, was der besagte Fernsehbericht so überschwänglich aufzubauschen versuchte. Hatte man in dem Fernsehbericht den Eindruck gewonnen, eine halbe Kleinstadt wäre angereist, um den möglichen Weggang Googles aus dem chinesischen Markt zu betrauern, so sah man auf den Handyfotos, die auf der dieser Homepage zu sehen waren, vier bis sechs Chinesen, die einsam um das Google-Logo verteilt herumstanden und den Eindruck machten, sie würden selbst nicht so richtig wissen, weshalb sie dort stünden.

Überhaupt erschien mir das Medienecho, gemessen an dem, was eigentlich passiert sein soll, zu gewaltig, zu einseitig. Es war ein wenig, wie nach dem 11. September 2001. Damals war man sich bereits kurz nach dem Vorfall einig, dass al Qaida-Terroristen einen Angriff auf Amerika verübt haben. Mit dem digitalen Angriff ist es im Grunde das Gleiche. Google stellte eine Behauptung auf und die ganze Medienwelt wiederholte die Sache lange genug, damit der ungeschulte Medienkonsument die Desinformation als Information, bestenfalls als gesellschaftlich anerkannte Wahrheit verinnerlicht. Google bearbeitet in China einen Marktanteil von 27%, während der dortige Marktführer Baidu stolze 61% hält. Nach Aussen hin verkaufen Google und viele Medienberichte Googles eventuellen Rückzug aus China bzw. die Abkehr von Zensurmaßnahmen als ein klares Bekenntnis zu Menschenrechten, ein wenig sogar so, als würde Google plötzlich Kanonen auf China gerichtet haben.

Betrachtet man die Situation aus einer entfernteren Vogelperspektive, geht es hingegen nicht bloß um ein Unternehmen, welches überlegt aus einem Markt auszutreten. Es geht plötzlich um ein einen weltweit tätigen, amerikanischen Konzern, der ein gefühltes „Monopol aufs Internet“ besitzt und sich nun mit einer Regierung anlegt, welche 1,3 Milliarden Menschen vertritt – als sei dies ein gewöhnlicher Punkt der Tagesordnung.

Vor kurzem fand in Kopenhagen ein weltweites Gipfeltreffen statt, bei dem darüber gestritten wurde, welche Nationen zukünftig unter dem Banner der Globalisierung zermürbt werden und wie man das den Menschen in Form eines Klimaabkommens möglichst hinterlistig als eine notwendige Maßnahme zum Klimaschutz verkaufen kann. Man bezeichnete dieses Treffen gemeinhin als Klimagipfel. Bei diesem Klimagipfel war es die Volksrepublik China, welche den Amerikanern ganz klar gezeigt hat, wie die Kräfteverhältnisse heute und in Zukunft aussehen. China hat Amerika vor den Augen der Welt vorgeführt. Das Handelsblatt titelte „China habe Obama bewusst gedemütigt“, indem sie zu Gesprächen mit dem amerikanischen Präsidenten bloß einen zweitrangigen Diplomaten geschickt hätten und die entscheidenden Gespräche bewusst blockiert würden. Für meinen Geschmack ein unmissverständliches „Bis hier hin und nicht weiter, Amerika!“

Ein weiterer Aspekt, der sich aus der Vogelperspektive offenbart, ist das Bestreben Amerikas, immer stärker das Internet zu kontrollieren. Präsident Obama machte in einer seiner Ansprachen deutlich, dass er gewillt ist, Cyberterrorismus nachhaltig zu bekämpfen. In dieser Ansprache sagte er ganz offen, er würde Privatunternehmen, auch solche, die für Netzwerkinfrastruktur verantwortlich sind, mit ins Boot holen. Nachdem Google zu einem Informationsmonopolisten angewachsen und in gewisser Weise der Quell zur Beschaffung von Informationen für viele Menschen geworden ist, liegt es nahe, dass die US-Regierung diesen weltweit tätigen Informationslieferanten als Druckmittel, respektive als Vollstrecker eigener Interessen in der digitalen Welt vor den Karren spannt.

Eine Information über Google, die bisher noch nicht so sehr Verbreitung gefunden hat, ist die Tatsache, dass Google etwa seit dem Jahreswechsel einen eigenen öffentlich zugänglichen Dienst für die Auflösung von Domainnamen im Internet, kurz “DNS” anbietet. Mit diesem Dienst ist Google in der Lage, Webinhalte auch dann personalisiert anzubieten, wenn der Benutzer keine dedizierte Anmeldung an ein von Google verwaltetes Benutzerkonto durchgeführt hat. Wollte Google Böses im Schilde führen, so könnte es Menschen, die durch ihr Surfverhalten in eine bestimmte Kategorie fallen, bestimmte Suchergebnisse einfach vorenthalten und somit nachhaltig eine geistige Konditionierung bestimmter Personengruppen erzielen.

Die Kontrolle des Internets wird für Regierungen weltweit eines der wichtigsten Themen sein. Nachdem Protestierende im Iran Menschen in aller Welt gelehrt haben, welch wirksamer Pranger und Quell von Öffentlichkeit das Internet sein kann, werden Regierungen keine Mühen scheuen, sich davor zu hüten, die Kontrolle der Massen an das kollektive Bewusstsein abzugeben, welches das Internet in der Lage ist aufzubauen.

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