Wie erwünscht ist beim BDZV eine aufgeklärte Öffentlichkeit?
Nachdem ich bei iRights laß, dass der Bund deutscher Zeitungsverleger ein völlig wahnwitziges Leistungsschutzrecht für Presseverleger erwirken möchte und dass einige Tage später iRights vom BDZV wegen der Veröffentlichung des Forderungspapieres des BDZV ein angeblicher Urheberrechtsverstoß vorgeworfen wurde, fing ich mich an ein wenig mit dem BDZV zu beschäftigen. Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger, das möchte ich an dieser Stelle anmerken, ist ein ganz hervorragendes Werkzeug zum Abschröpfen von Journalisten und zum Einschränken öffentlicher Kommunikation im Internet. Ich würde sogar darüber nachdenken, ob es die Meinungs- und Pressefreiheit einschränkt.
Eine unbezahlbare Qualität des Internets ist, dass es in der Lage ist, Transparenz in Bereiche reinzubringen, in denen zuvor Verschlossenheit herrschte. Der Auftrag unserer Presselandschaft ist es, das Volk umfassend und richtig zu informieren. Desinformationen können im Internet als solche angeprangert, fehlende Informationen können im Internet nachgereicht werden. Lese ich im Internet einen Artikel und stosse dort auf eine Falschinformation, hoffe ich, dass der Anbieter die Möglichkeit zur Kommentierung des Artikels geschaffen hat. Wenn ich etwas besser als der Autor weiß, setze ich einen Kommentar unter den Artikel, in dem ich die Leserschaft auf Fehler im Artikel hinweise und/oder weitere Informationen einreiche, die zur Beurteilung des Themas von Relevanz sind.
In meinem Verständnis sind richtige, vollständige und aus möglichst vielen Gesichtspunkten betrachtete Informationen der Quell unserer Beurteilungsfähigkeit. Eine simple Kommentarfunktion in publizistischen Onlineangeboten stellt daher ein unverzichtbares Instrument zur gegenseitigen Bestärkung und aufgeklärten öffentlichen Meinungsbildung dar.
Wenn man sich jetzt jedoch mit dem Leistungsschutzrecht für Presseverleger auseinandersetzt, wird man sehen, dass die Auswirkungen genau das Gegenteil einer aufgeklärten Öffentlichkeit herbeiführen würden. Ich habe mir daher 80 Anbieter publizistischer Angebote, die Mitglied beim BDZV sind angesehen, um mir einen Überblick darüber zu verschaffen, wie das Thema Leserkommentierung behandelt wird.
Die Auswahl meiner Probanden erfolgte über dieses vom BDZV selbst bereitgestellten Verzeichnisses. Ich habe hierbei nur jene Anbieter ausgewählt, die ihrer Leserschaft auch einen Twitter-Kanal anbieten. Zum einen konnte ich dadurch meine Auswahl recht angenehm auf 80 Anbieter reduzieren, zum anderen impliziert die Verfügbarkeit eines Twitter-Kanals, dass der Anbieter offensichtlich die Kommunikation mit seiner Leserschaft sucht. Ich weiß, man könnte sagen, dass der Einsatz von Twitter nur der Reichweitersteigerung dienen könnte – ich blende diesen möglichen Einwand jedoch bewusst aus. Wenn der Anbieter Twitter also einsetzt, um mit seiner Leserschaft in Kontakt zu treten, liegt es eigentlich nahe, dass eine Kommentarfunktion auf dem Onlineangebot zu finden ist. Anderenfalls wäre unverständlich, weshalb man via Twitter den Kontakt zur Leserschaft sucht, ihn jedoch gleichzeitig in Form fehlender Kommentarfunktionen verhindert.
Zusammenfassung meiner Erkenntnisse
- 19 Anbieter (fast ein Viertel) erlauben gar keine Kommentare
- 24 Anbieter erlauben zwar Kommentare, aber nicht anonym
- Lichtblick: 31 Anbieter erlauben Kommentare gänzlich anonym
- Merkwürdig: 6 Anbieter erlauben Kommentare nur in ausgewählten Bereichen
Neue Fragen, auf die ich keine Antworten weiß (Eure Mitarbeit ist hier erbeten)
- Weshalb verbieten 25% der Anbieter Kommentare auf Ihrer Website?
- Haben diese Anbieter etwas gemein? (Politische Ausrichtung, gemeinsame/r Anteilseigner)
- Wie reagieren/beurteilen Leser fehlende Kommentarfunktion? (Bitte Kommentar schreiben!)
Nachfolgend stelle ich tabellarisch mein Rechercheergebnis zur Verfügung
Manche Anbieter sind mir durch kleinere Besonderheiten aufgefallen
| Anmerkungen zu einzelnen Anbietern | |
| Anbieter | Anmerkung |
| Augsburger Zeitung | Kommentare in Form eines Forums. |
| Der Tagesspiegel | Ärgerlich: Die Maske sieht aus, als bräuchte man kein Konto. Nachdem der Kommentar abgeschickt wird, muss man sich einloggen oder registrieren. Ohne Login wird der Kommentar wieder verworfen. |
| Eßlinger Zeitung | Kommentare sind nur in ausgewählten Bereichen erlaubt. Unter “Brennpunkte” beispielsweise, wo wichtige Meldungen aus Deutschland stehen, steht die Kommentarfunktion überhaupt nicht zur Verfügung. |
| Handelsblatt | Zum Kommentieren wird eine Emailauthentifizierung durchgeführt. Wer seine Emailadresse nicht preisgibt, und daher eine Spaßadresse einträgt, wird seinen Kommentar niemals veröffentlicht sehen. |
| Lausitzer Rundschau | Kommentare sind nicht in allen Bereichen möglich. “Wirtschaft” und “Wissenschaft” beispielsweise erlauben keine Kommentare. |
| Lübecker Nachrichten | Zum Kommentieren wird eine Emailauthentifizierung durchgeführt. Wer seine Emailadresse nicht preisgibt, und daher eine Spaßadresse einträgt, wird seinen Kommentar niemals veröffentlicht sehen. |
| Märkische Allgemeine | Kommentare sind anscheinend nur im Lokalteil möglich. |
| Mindener Tageblatt | Kommentare sind nur im Lokalteil möglich. Deutschlandnachrichten oder Weltnachrichten können nicht kommentiert werden. |
| Neue Westfälische | Kommentare sind nur im Lokalteil möglich. |
| Nordbayrischer-Kurier | Kommentare sind nur in ausgewählten Bereichen erlaubt. Unter “Polititk” und “Wirtschaft” beispielsweise, wo wichtige Meldungen aus Deutschland stehen, steht die Kommentarfunktion überhaupt nicht zur Verfügung. |
| Nordseezeitung | Kommentare sind nur im Lokalteil möglich. |
| Nordwest Zeitung | Ärgerlich: Die Maske sieht aus, als bräuchte man kein Konto. Nachdem der Kommentar abgeschickt wird, muss man sich einloggen oder registrieren. Ohne Login wird der Kommentar wieder verworfen. |
| Rheinische Post | Ärgerlich: Die Maske sieht aus, als bräuchte man kein Konto. Nachdem der Kommentar abgeschickt wird, muss man sich einloggen oder registrieren. Ohne Login wird der Kommentar wieder verworfen. |
| Rhein-Neckar-Zeitung | Zum Kommentieren wird eine Emailauthentifizierung durchgeführt. Wer seine Emailadresse nicht preisgibt, und daher eine Spaßadresse einträgt, wird seinen Kommentar niemals veröffentlicht sehen. |
| Saarbrücker Zeitung | Kommentare sind zwar ohne Anmeldung möglich, werden für die Teilnehmer jedoch unzumutbar weit vom eigentlichen Artikel dargestellt. Der Bezug geht völlig verloren. |
| Thüringer Allgemeine | Wahrscheinlich fehlerhaftes Captcha. Kommentar daher unmöglich. Fehler wurde Redaktion bekanntgegeben. |
| Thüringer Landeszeitung | Wahrscheinlich fehlerhaftes Captcha. Kommentar daher unmöglich. Fehler wurde Redaktion bekanntgegeben. |
Schlusswort
Diese Arbeit steht zur weiteren Verwendung frei zur Verfügung. Wer Inhalte hieraus für eigene Werke verwendet, der ist gebeten einen Verweis auf diese Seite und/oder den Autor zu setzen. Ich freue mich immer besonders über Verlinkung. In Sachen Twitter: Mit nur knapp 600 eigenen Followern ist mein Wirkkreis recht übersichtlich, ich würde mich daher sehr über eure Kontaktaufnahme und Weiterempfehlung freuen. Mein Twitteraccount lautet Karpfenpeter.
Aktualisierung, 19.05.2010: Aprica machte mich auf einen Fehler aufmerksam. Der Donaukurier war fälschlicherweise unter “Keine Kommentarfunktion” eingeordnet. Richtig ist die Einordnung unter “Gute Kommentarfunktion”. Der Fehler wurde korrigiert. Danke, Aprica.



Hai Peter,
ich beantworte Deine Frage mal hier: Weil wir ähnliche Themen haben, Du interessant schreibst und andere Blickwinkel immer lesenswert sind.
Was Du mit diesem Vergleich hier ablieferst, ist einfach toll (mal abgesehen von der Fleißarbeit)! Da werd nicht nur ich bestimmt noch öfter rein gucken…
Netten Gruß, Vera
Sehr herzlichen Dank. Der Artikel hat mich auch gut 11 Stunden meiner Lebenszeit gekostet. 10 Stunden alleine fürs Testen der einzelnen Kommentarfunktionen.
PS: Die Liste der Twitteraccounts gibt es übrigens hier:
http://twitter.com/#/list/karpfenpeter/bdzv-watchlist
Erstmal ein großes Lob für diese Fleißarbeit!
Schade nur, das die meisten Redaktionen Twitter nur dazu nutzen, ihre Schlagzeilen dort zu publizieren. Wäre mal interessant zu erfahren, welche Redaktionen auch auf Rückmeldungen via Twitter reagieren. Das kannste ja beim nächsten mal testen ;-)
Die Neue Westfälische erlaubt Kommentare nur bei einigen Artikeln. Im Lokalteil sind häufig Artikel, die nicht kommentiert werden können. Nach welchem System man dort die Kommentarfunktion freischaltet, hat sich mir bisher nicht erschlossen.
Deren Twitter-Konto wird nur zum Verbreiten von Schlagzeilen genutzt, nicht zur Kommunikation.
Die Neue Westfälische zensiert außerdem Kommentare der Nutzer. So werden regelmäßig Links unterdrückt, die zu weiteren, wichtigen Informationen führen würden (und nicht zu Spam oder anderen bösen Seiten), zum Beispiel auf:
http://www.nw-news.de/owl/3523808_Schlange_im_Sandkasten.html
Fragt man in einem Kommentar nach, warum bestimmte Kommentare gar nicht veröffentlicht werden oder warum Links nicht veröffentlicht werden, so wird der Kommentar nicht veröffentlicht bzw. auf weitere Nachfrage wird der Kommentar gekürzt, zum Beispiel:
http://www.nw-news.de/owl/3555982_Amt_streitet_mit_Hartz-IV-Empfaenger_um_Ueberraschungseier.html
Kommunikation mit dem Leser und der Leser untereinander ist offensichtlich bei der Neuen Westfälischen nicht erwünscht. Dort hat man das Internet noch nicht verstanden.
Kölner StadtAnzeiger, Express, Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel und Kölnische Rundschau sind Eigentum bzw. Mehrheitsbeteiligungen des Hauses DuMont Schauberg Köln aka Alfred Neven DuMont und sein Sohn Konstantin.. also ist das ganze nicht verlagseinheitlich..
zu dem Warum mal ein Gedanke Wenn ein Verlag einen Blog betreibt oder twittert, dann ist er auch für die in diesem Rahmen gemachten Beiträge haftbar und viele Verlage wollen sich einen Personalaufwand zur Kontrolle sparen.
Wegen der dummen Kommentare hat koeln.de/netcologne seine gute gestartete Bürgerzeitung aus dem Netz nehmen müssen
Noch etwas – ich habe auch was gegen anonyme Kommentare oder Pseudos.. wenn man eine Meinung hat, sollte man auch den Mut haben, dazu zu stehen.
wieviel Gehirnmüll bliebe uns wohl erspart, wenn man Kommentare nur unter seinem realen Namen publizieren könnte.