Erkenntnisse der SigInt. Politik, Gender, Piraten und eine reale Begegnung
Es gibt bekanntlich noch immer Menschen, die das Internet als eine Art vom Rest der Welt abgeschotteten ominösen Raum betrachten und glauben, der Mensch habe mit dem Internet eine Parallelwelt geschaffen, die sich an keinen realweltlichen Maßstäben misst. Einen wundervollen Beweis, dass dem nicht so ist, lieferte an diesem Wochenende der Hacker- und Netzbewohnerkongress SigInt 2010 in Köln; eine Veranstaltung, die im Wesentlichen aus Vorträgen zu unterschiedlichsten Themen digitaler Kultur, Politik und Gesellschaft besteht.
Um die gestern gemachte Erfahrung verständlich zu machen, zunächst etwas Vorgeschichte.
Datiert auf Mitte/Ende März 2010 posaunte es aus allen Presserohren unseres Bundespräsidenten Horst Köhlers Bettelrede um Verständnis für die kommenden Beinzinpreiserhöhungen. Jemand unbestimmtes nahm diesen Artikel zum Anlass und startete in einem XING-Diskussionsforum eine Diskussion zu diesem Thema. Ich schaltete mich ein und sorgte für ein Wenig Opposition:
Der Typ spinnt doch! Ich empfinde seine Forderung als eine taktlose Verhöhnung all jener, die morgens aufstehen und zur Arbeit _fahren_ müssen, um sich, Frau und Kinder zu ernähren. Der Spritpreis besteht zu X Prozent aus Steuer und dann kommt dieser Typ an und wirbt für Akzeptanz um höhere Spritpreise?
UN-FASS-BAR!
Einige Posting später wurde ich ziemlich unliebsam von einem Herren mittleren Alters angefahren:
UN-FASS-BAR finde ich vor allem diese machohafte, altmodische Formulierung “Frau und Kinder” ernähren.
Wieso nicht “Mann und Kinder ernähren”? Wir leben im 21. Jahrhundert und es gibt gut ausgebildete Frauen in Deutschland. Angela Merkel ist nur eine von ihnen – aber na ja, auch die ernährt ihren Mann ja nicht. Das macht der alleine.
Heiliger Strohsack! Dass das Diskussionsniveau in XING-Diskussionsforen oftmals erdgeschossartig ist, war mir bereits durch manch anderen Fall bekannt, aber obiges Treiben veranlasste mich dann zu einer persönlichen Email an den besagten Herren mittleren Alters:
Moin Herr XXX,
ich finde Sie sind mit ihrer Anfeindung sehr übers Ziel hinausgeschossen.
Wenn Sie denken, ich würde Frauen degradieren wollen, dann sagen Sie es direkt und nicht auf diese Tour.
Ich stehe zu der Formulierung, sehe nichts Falsches darin. Schon gar nicht, weil ich damit nicht ausschliesse, dass es auch Frauen gibt, die “ihren Mann und Kinder” ernähren. Die Formulierung “Frau und Kinder ernähren” ist natürlicher deutscher Sprachgebrauch.
Ich fühle mich durch Ihren Affront als jemand abgestempelt, der Frauen abwertet, was ich als Sohn einer liebenswerten Mutter entschieden zurückweise! Ferner können Sie gerne über XING meine weiblichen, gut ausgebildeten Arbeitskolleginnen ausfindig machen und diese zu meinem Respekt und meiner Wertschätzung, mit der ich ihnen entgegentrete, befragen.
Es steht ihnen natürlich frei, mich grundlos mit der Genderkeule anzugreifen, aber rechnen Sie im Nachgang nicht mit meinem Respekt. Weder hier bei Xing, noch im realen Leben, sollten wir uns irgendwann einmal begegnen.
Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Abend
Peter Piksa
Freilich kam es zu einem kurzen Schriftwechsel, den ich jedoch nicht veröffentlichen werde, da mein “Gesprächspartner” dies sicher nicht will und es auch nicht Ziel dieses Artikels ist, besagte Person öffentlich bloßzustellen.
Soweit zur Vorgeschichte. Zurück zur SigInt 2010.
Es war Sonntag, 13:00 Uhr, als Udo Vetter, seines Zeichens Strafverteidiger und recht bekannter Blogger einen sehr lehrreichen Vortrag über die Verfolgung von Straftaten im Internet hielt. Der Saal bestand aus zwei grossen Sitzbereichen. Ich nahm ganz links aussen am rechten Sitzbereich Platz. Links von mir befand sich demnach der Durchgangsbereich und links davon der linke Sitzbereich. Nun, wie der Zufall es wollte, saß am rechten äusseren Rand des linken Sitzbereiches, eine Reihe vor meiner Reihe eine Person, deren Antlitz ich nicht recht zuordnen konnte, mir jedoch irgendwie bekannt vorkam. Während Udo Vetter teils sehr amüsante Ausführungen machte, machte der Mann mittleren Alters zu meiner linken des Öfteren abweisende Bemerkungen in Richtung inhaltlicher Darstellung besagten Vortrags. Zunächst dachte ich, es müsste sich um einen Pressesprechers eines Polizeipräsidiums handeln, den ich in Vergangenheit auf einem Onlineartikel einer Zeitung aus meiner Umgebung sah, doch wie sich später herausstellte, lag ich daneben.
Nachdem der Vortrag gelaufen war, befragte ich den Herrn nach den Gründen seines Widerspruchs, die er mir dann freundlicherweise auch darstellte. Wir unterhielten uns kurz und machten uns – jeder für sich – auf den Weg in die Vortragspause.
Wie hoch ist neuer Erkenntnis Preis? Grade mal zwei Euro!
Mich trieb der Hunger um. Maybachstrasse, Ecke am Kümpchenshof stand eine Pommesbude, an der ich bereits am Vortrag ein nettes Gespräch mit einem Reporter von Heise sowie einem Herren vom Whistleblower Netzwerk e.V. hielt. Die Pommes dort schmecken gut und sind mit zwei Euro auch preiswert. Die Pommesbude an der Einfahrt zur Tiefgarage des Komed-Komplex entpuppte sich für mich in den kommenden 20 Minuten jedoch zu viel mehr als einem Ort des Speisens. In den kommenden 20 Minuten wurde diese Pommesbude ein Ort des Erkenntnisgewinns.
Während ich auf dem Weg zu selbigem bereits von weitem den einzig noch freien Sitzplatz erspähte und geradewegs auf diesen zuging, stellte ich fest, dass mein rechter Sitznachbar ein mir bereits bekannter Herr mittleren Alters sein würde. :-)
Mit einem Lächeln und den Worten “So schnell sieht man sich wieder!” begrüsste ich besagten Herrn, worauf wir uns erneut zu unterhalten anfingen. Bereits nach wenigen Sätzen in einer kurzen Gesprächspause behauptete ich, meinen Gesprächspartner von irgendwo zu kennen. “Ja, ich bin Kölner. Vielleicht daher.” entgegnete er mir. “Nein, nein… Ich bin so gut, wie nie in Köln. Sagen Sie, sind sie auch bei XING?” fragte ich. “Im XXXXXXX-Forum!?” schoss es aus des Herren Mund. “Ja klar, Sie sind doch der Herr, der mich vor einigen Wochen öffentlich in einer Diskussion über die zu hohen Spritpreise plötzlich mit der Genderkeule angriff und als Macho und altmodischen Höhlenmenschen diskreditieren wollte!”
Grosse Augen und noch grösseres Erstaunen malten auf dem Gesicht meines Sitznachbarn ein Bild peinlicher Berührtheit. “Ach, äh wissen Sie”, stammelte er mir aufgeregt entgegen, “ich schreibe viel zu viel bei XING in diesem Forum! Ich glaube, ich sollte mich da zurückhalten.” “Anstelle Zurückhaltung empfehle ich einen respektablen Umgang miteinander. Dann bleiben auch derartige Beleidigungen aus und man macht sich weniger Feinde, die dann eines Tages plötzlich neben einem sitzen, ohne dass man es merkt.” lächelte ich ihn an.
Da bisheriges Gespräch jedoch in freundlicher Atmosphäre stattfand und ich interessiert an der eigentlichen Motivation des vorangegangenen Angriffs auf XING war, führte ich das Gespräch natürlich fort. “Sagen Sie, ich hatte den Eindruck, sie wollten mit der Brechstange öffentlichen Protest gegen steigende Benzinpreise unterjochen?” warf ich fragend ein. “Ja ich bin in einem Verein, der sich für Umweltschutz einsetzt und bei diesem Thema können schon Mal die Emotionen mit mir durchgehen.” Ach so, kristallklar! Ich verstehe natürlich, dass man in so einem Fall keine kritische Öffentlichkeit gebrauchen kann und daher auch zu moralisch zurückgebliebenen Methoden, wie dem Schwingen der Genderkeule greift. Ich behielt diesen Gedanken jedoch für mich und liess den Herrn einfach mal weiterreden.
Die SigInt ist ja ein Kongress, bei dem es auch um netzpolitische Themen geht und so offenbarte mir der Herr mittleren Alters Mitglied der SPD zu sein, und es toll zu finden, dass man sich ja seit der Bundestagswahl auch netzpolitischen Themen verschrieben fühlt. Wie ich bereits in meinem Blog an anderer Stelle beschrieb, erklärte ich meinem Gesprächspartner, weshalb ich der SPD momentan nicht abnehme, dass sie ernst meinen, was sie zu meinen behaupten. Im Zuge dessen erklärte man mir aus Insidersicht, dass man sich seit dem Erfolg der Piratenpartei von der Bundestagswahl dazu genötigt fühlte, einen Standpunkt zum Thema zu beziehen, der die Werte der Netzbewegung reflektiert. (An dieser Stelle bitte ich euch meine Theorie zur politischen Mitbestimmung zu lesen.) Die Begründung war das eigentlich Interessante:
Wenn wir gucken, wo die Leute hingegangen sind, die wir verloren haben, dann sind die nicht zur CDU oder FDP gelaufen. Die sind zu den Piraten hin. Das hat uns richtig wehgetan, weil wir die wohl nicht mal eben wiederkriegen, sobald deren aktuelle Partei irgendwas vermasselt! Wir müssen jetzt richtig was tun.
Weshalb schrieb ich das alles eigentlich nieder? Für Euch! Der Erkenntnisse wegen.
- Betrachtet bitte das oben im Artikel zitierte Angriffsmuster im Rahmen öffentlicher Diskussion und setzt es mit den Hintergründen, die sich im Gespräch an der Pommesbude auftaten in Verbindung. (Parteimitgliedschaft; Mitgliedschaft in einer Lobbygruppe; Die Bereitschaft, öffentliche Opposition auch mit fragwürdigen Mitteln unterzujochen).
- Habt Nachsicht mit solchen Menschen. Der Herr mittleren Alters zeigte sich im persönlichen Gespräch sehr freundlich und durchaus kommunikationsfähig. Es gibt jedoch Menschen, die ihre Mitgliedschaft in einer Partei und/oder Lobbygruppe als Grund sehen, eigenes Denken auszuschalten. Deren Handeln ist folglich kein Resultat persönlicher Übrezeugung, sondern einer Mechanik geschuldet, die hauptsächlich wohl darauf basiert, dass man einfach die Meinung übernimmt, die auch die Partei/Lobbygruppe postuliert.
- Das Internet ist kein von der physischen Welt getrennter “Raum”, sondern steht mit dieser in Interaktion und Interdependenz. (Das ist keine neue Erkenntnis. Ich erwähne es hier trotzdem, um den Bezug zu einem plastischen Beispiel zu führen.)
- Die Piraten sollen mit Ihrer Politik ruhig und bedacht weitermachen. Ihre Arbeit ist für unsere Gesellschaft, in der das Internet zunehmenden Einfluss auf die physische Welt hat, von hoher Wichtigkeit. Nicht auszudenken, was die etablierte Politik (, die eigenen Machterhalt und Machtausbau vor Bürgerinteressen stellt,) aus dem Internet machen würde, gäbe es kein Korrektiv in Form von Piraten und/oder anderen Parteien, die sich gezwungener Maßen an den Interessen der Netzbewegung orientieren.
- Seht bei der Genderdiskussion bitte zu, dass die Genderkeule verschwindet. Holt die Emotionen aus der Diskussion raus, sie verleiten nur zum Angstbeissen, zu irrationalen Angriffen und der Entfremdung zwischen den Geschlechtern. Führt die Diskussion bitte sachlich.
andreas schreibt:
Unglaublich, dass ihr euch erkannt habt!
Schöne Geschichte!
26.5.2010 um 20:23