Der Fall Richard Gutjahr und einige Gedanken zu Google
Ich erinnere mich noch sehr genau an eine kürzlich geführte, hitzige Diskussion in meinem Büro. Ein Kollege und ich diskutierten darüber, ob Apple das Recht haben soll, das Internet für seine Nutzer pornofrei zu machen. Mein Argument ist gewesen, dass die Porno-Argumentation im Grunde ein ganz, ganz fieser Trojaner ist, weil im ersten Schritt niemand den Mut haben wird, dagegen zu protestieren (wer will sich denn die Blöße geben), aber sobald die Sache dann erst einmal durchgewunken ist, dieser gruselige Zensur- und „oh das ist nicht gut für unsere Kinder-Gedanke“ maßlos fortgeführt und übertrieben wird – bis das Endergebnis so aussieht, wie keiner es eigentlich haben wollte (ausgenommen natürlich jene, die von Zensur profitieren.)
Richard Gutjahr, der Moderator vom Bayrischen Rundfunk betreibt ein Blog, wo er mal einen Artikel über Zensur von Apple schrieb. Richard bekam jetzt auf einmal zwei Emails von Google.
Die erste:
Herzlichen Glückwunsch, Ihre erste Google Werbeauszahlung beträgt 70€.
Die zweite:
Sie haben drei Tage Zeit ihr Blog zu überarbeiten, weil Sie nämlich einen Artikel über Apple-Zensur geschrieben haben – das passt mit dem Google-Maulkorb *pardon* den Google Richtlinien für ein harmonisches Miteinander nicht zusammen!
Jetzt, wo Richard das erste Mal die Grenze für Google-Auszahlung erreichte (die besagten 70€), haben die also ein Audit für sein Blog gemacht. (Das nur fürs Verständnis)
Die Erkenntnis aus der Geschichte: Macht bloß niemals diese unsägliche Zensur-Büchse der Pandora auf. Ihr seht ja, was passiert. Sobald jemandem überproportionale Macht ohne jegliche Checks & Balances gewährt wird, wird die gegebene Macht missbraucht. Da spielt es keine Rolle, ob man sich Zensor oder Harmonisator nennt. In diesem Fall wird man zensiert, nur weil man über Zensur spricht.
Oh, und damit ihr euch auch selbst einen Eindruck davon machen könnt, Richard dokumentiert die ganze Sache natürlich in seinem Blog. Der vom Google-Zensor beanstandete Artikel findet sich hier. Ich wünschte mir, dass SOWAS mal die Runde macht und entsprechende Erkenntnisse daraus gezogen werden – und zwar nicht bei uns; wir wissen das sowieso schon – das muss in die Köpfe der Politiker und in die Köpfe all jener rein, die nach wie vor behaupten, Zensur sein nützlich oder sogar notwendig. In jedem Fall könnt ihr das hier Geschehene zukünftig hervorragend als leicht nachvollziehbares Beispiel heranziehen, weshalb man in Sachen Zensur schon den Anfängen wehren muss.
Der Fall Richard Gutjahr mahnt aber auch, dass man stets darum bemüht sein sollte, nicht in Abhängigkeit (welcher Natur auch immer) zu geraten. Natürlich wird Herr Gutjahr nicht finanziellen Schiffbruch erleiden, sollte er seine 70€ nicht erhalten, aber was um alles in der Welt maßt ein Konzern wie Google es sich eigentlich an, zu beurteilen, was im Netz gezeigt werden soll und was nicht? Ich finde, in solchen Fragen sollte es einen gesellschaftlichen Konsens geben. Als Gesellschaft werfen wir uns ja einem Monopol von Google unter, welches in zunehmenden Maße in der Lage ist, uns geistig zu konditionieren. Was mir Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass es keinen (bzw. keine) richtigen Gegenspieler gibt, die man gegen Google ausspielen könnte; sodass wir Google auf diesem Wege zeigen könnten, wo die Grenzen sind.
Das Problem, Googles Möglichkeit künstliche Furchen in unsere Gesellschaft zu ziehen, wird zum Beispiel auch an Googles komischer Wertvorstellung deutlich, ältere Frauen sollen nicht mit jüngeren Männern in Kontakt kommen. Von wegen das wäre nicht »family safe«. Lest euch den Artikel ruhig mal durch. (Anmerkung: Achtet bitte auf den eigentlichen Inhalt; weniger die hysterisch anmutende Art, wie der Inhalt vermittelt wird.) In meinen Augen sind das Vorboten von Eugenik. Würde Google aus seinen Richtlinien eine Art Manifest des gesellschaftlichen Konsenses geschaffen haben und würde die Abmahmung von Richard Gutjahr auf diesem Manifest beruhen, wäre nichts dagegen einzuwenden. Das ist aber nicht der Fall. Google macht seine eigenen Regeln und bringt damit zum Ausdruck, welche Wertvorstellungen zukünftig das Spektrum unserer Gesellschaft bekleiden dürfen und welche nicht. Das macht mir Angst lehrt mich eine gewisse Ehrfurcht gegenüber einem solchen Riesen und mahnt zum Nachdenken an.
Eines der ersten Probleme wird sein, begreifbar zu machen, dass man nicht generell gegen Google ist. Was ich sehr oft feststelle, ist, dass wenn jemand Google kritisiert, dieser Person gleich unterstellt wird, er wolle Google zerstören. So als wäre die Kritik an Google die Frucht von Missgunst oder Schadenfreude wenn sich »mal wieder« eine Gelegenheit zum Kritisieren bietet. Nein, sage ich. Google hat für die Menschheit einiges vollbracht. Wer das leugnet, leugnet die Realität. Das jedoch darf nicht als eine Seeligsprechung missverstanden werden, die jeden zukünftigen Fehltritt Googles legitimiert.
Richard Gutjahr jedenfalls wünsche ich, dass er sich nicht in geistige Handschellen legen lässt. Und mit Adsense kann Google sich angesichts der Einnahmen, die Flattr zu liefern im Stande ist, sowieso nicht vergleichen. Korrigiert mich, wenn ich mich da täusche.