Manche Verlage und Journalisten begreifen, worauf es heute ankommt
In Sachen Qualitätsjournalismus und zu der Frage, wie die etablierten Medien, besonders Ihre Online-Ableger, heute wahrgenommen werden, wurde in letzter Zeit sehr vieles geschrieben. Dass jedoch nicht alles schlecht ist, es vielmehr sogar guten Grund zur Hoffnung gibt, will ich euch heute mal am Beispiel Zeit Online aufzeigen.
Zur Mittagszeit wurde ich auf Zeit Online auf einen Artikel zur Loveparade-Tragödie aufmerksam, in dem es darum geht, dass Sitzungsprotokolle Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) belasten.
In dem Artikel wird auf unterschiedlichste Quellen verwiesen und es werden Erkenntnisse aufgeführt, die an anderer Stelle im Netz bereits dokumentiert wurden. Leider zum großen Teil ohne Links.
»Gut, das ist halt eine Zeitung. Zeitungen schreiben Texte. Das ist nun mal so.« werden die meisten sich jetzt denken. »Zeitungen haben die Aufgabe, umfassend und ehrlich zu unterrichten und den Leser somit zum Bilden einer aufgeklärten, eigenen Meinungsfindung zu befähigen.« antworte ich.
Weshalb der letzte Absatz? Die Antwort lautet »Links«. Als die New York Times, der Guardian und unser Spiegel 72.000 US-Dokumente ausgearbeitet haben, brachte Felix in seinem Blog seine Meinung zum Thema Qualitätsjournalismus auf den Punkt, indem er bei genauem Hinsehen beschreibt, was einen Pfeiler von gutem Journalismus ausmacht: Die Möglichkeit, weiter zu lesen; in Frage zu stellen; anzuzweifeln; aber im Umkehrschluss eben auch zu validieren.
Zurück zur Zeit Online
Während ich also den Artikel las, wurde an einem Punkt auf Erkenntnisse Bezug genommen, die die Süddeutsche Zeitung erlangte und bereits publik gemacht hatte. An anderer Stelle spricht der Zeit Online Artikel von einem Brief, den ein CDU-MdB an einen Innenminister schickte. Nicht irgendein Brief. In dem Brief legt er dem Innenminister nahe, er möge Duisburg doch bitte von einer »schweren personellen Bürde« befreien. Diese schwere personelle Bürde, ist ein inzwischen vorzeitig aus dem Amt entlassener Polizeipräsident der Stadt Duisburg, der sich aufgrund von Sicherheitsbedenken vehement gegen Duisburg als Ausrichtungsort für die Loveparade 2010 ausgesprochen hatte.
Weshalb hole ich soweit aus?
Mein Antrieb diesen Artikel hier zu schreiben, ist, dass ich den ganzen Verlegern zeigen will, was wir, die Leser, von den Verlegern erwarten.
Es geht darum, »umfassend und ehrlich unterrichtet zu werden und somit dazu befähigt zu werden, sich selbst eine aufgeklärte, eigene Meinung zu machen.«
Großes Lob an Zeit Online
Gleich nachdem ich feststellte, dass der Artikel, den ich auf Zeit Online las, für den Leser um ein vielfaches wertvoller sein könnte, wenn man ihn nur mit der Möglichkeit der eigenen Recherche anreicherte, setzte ich zwei Tweets an die Zeit Online ab.
Ja, und was ist? Ein paar Stunden später kommt von deren Chefredakteur Wolfgang Blau folgende Meldung zurück.
Und der Artikel ist angereichert mit Links. Zwar nicht so in vollem Umfang, wie ich mir das eigentlich gewünscht habe, schließlich fehlt ein ganz entscheidender Link zu dem unsäglichem Brief an den Innenminister, ABER und das ist es worauf es ankommt: Es tut sich was. Und das finde ich absolut super!
Im Übrigen, tendiere ich mehr und mehr zu der Ansicht, dass die Art und Weise, wie eine Zeitung sich darstellt, vom Mindset der Leute dort abhängig ist. Speziell was Zeit Online angeht, will ich an dieser Stelle besonders loben, weil ich nun schon mehrfach positive Erfahrungen gemacht habe.
Vor einiger Zeit führte ich eine Analyse über die Kommentarmöglichkeiten auf den Onlineauftritten von 80 Mitgliedern des BDZV durch. Als Reaktion hierauf kam eben der vorhin genannte Wolfgang Blau auf mich zu, um mit mir über meine Analyse zu reden. Das empfand ich als Wertschätzung und ich fühlte mich als Leser der Zeitung ernst genommen! Mehr noch. Ich fühlte mich, als könnte ich etwas Positives bewirken.
Ein weiteres Beispiel: Vor einigen Wochen wurden Ermittlungen gegen den Soziologen Andrej Holm fallen gelassen. Zeit Online übernahm eine dpa-Meldung und verzierte sie mit einem Bild, welches suggeriert, Andrej Holm sei einer dieser gewaltbereiten, vermummten Krawallmacher. Auf Twitter kam es hiernach zu begründeter Kritik an der Darstellung. Ergebnis: Es führte zu Einsicht bei Zeit Online – das Bild wurde entfernt. BILDBlog berichtete.
Und natürlich das Beispiel von heute. Ich könnte jetzt wahrscheinlich noch einige weitere Beispiele aufzählen, wenn sie mir nicht entgangen wären, doch ich nutze viel lieber die Gelegenheit auf ein Statement zu verweisen, welches meine These stützt, dass guter Journalismus und Wertschätzung für die Leser von der eigenen Einstellung und dem eigenen Wertebild abhängig ist.
Bevor ich anfing diesen Artikel zu schreiben, twitterte Wolfgang Blau folgende Aussage:
Ich glaube, spätestens jetzt sollte ein Stückchen klarer sein, in welche Richtung unsere Verlage, Journalisten und Medien allgemein sich bewegen sollten. Denkt mal drüber nach. Besonders liebe Erstgenannten. Ein Vorbild wurde euch hier vorgestellt.

