Blog von Peter Piksa

Genugtuung über eine Kernschmelze

13.3.2011, 18:21 Uhr

Es ist ein wirklich perverses Gefühl, welches mich beschleicht.

Wahrscheinlich müsste ich über mich selbst zu der Erkenntnis gelangen, ein fürchterliches Arschloch zu sein. Eines, das sich selbst dabei ertappte, die Meldung über die Kernschmelze in Japan mit Genugtuung wahrgenommen zu haben.

Genugtuung deshalb, weil die Menschheit jetzt einen Schritt näher daran rückte, das Zeitalter der Atomkraft zu überwinden. Niemand kann jetzt noch behaupten, der Mensch könnte Atomkraft kontrollieren, darüber schrieb ich bereits in meinem Artikel »Ein paar Worte an die Atomkraftbefürworter«.

Gleichzeitig biss mich – kurz bevor ich anfing diesen Artikel zu schreiben – mein eigenes Gewissen. Ich will mir nichts in die eigene Tasche lügen: Zu dem Zeitpunkt, als die Meldung der Kernschmelze eintraf, fühlte ich das erhebende Gefühl des Rechtbehaltens gegenüber all den neunmalklugen Regierenden und der Atomlobby. Und dann sind da noch diese ganzen Einfältigen, die auf der Straße und im Internet immer “Ja, aber woher soll denn sonst der Strom für unseren Wohlstand kommen?” rufen.

Told you so, Arschlöcher!

Doch was ist mit mir selbst? Bin ich selbst nicht auch ein Arschloch, weil das erste, was mir im Angesicht der Kernschmelze einfiel, dieses besagte Told-You-So war?

Letzten Endes habe ich kein schlechtes Gewissen.

Als ich darüber nachdachte, fühlte ich mich zunächst durch mich selbst ertappt und schlecht. Sich über ein Ereignis “zu freuen”, welches unweigerlich nachhaltige Schäden an Leben und Lebensraum anrichtet, ist nicht nur falsch, es ist widerwertig. Bei genauer Betrachtung freue ich mich auch nicht darüber. Es ist die Freude über ein Argument, was niemand mehr kleinreden können wird (auch wenn man es natürlich versuchen wird!).

Ich muss kein schlechtes Gewissen haben. Diejenigen, die sich an der Atomkraft in Japan bereicherten und der Gesellschaft dieses Risiko überhaupt erst aufbürdeten, sollten ein schlechtes Gewissen haben. Sie sind es nämlich auch schuld, daß es mich mit einer gewissen Genugtuung erfüllte, die Meldung der Kernschmelze zu lesen, weshalb ich überhaupt erst für einen Moment darüber nachdachte, ob ich ein Arschloch bin. Ich gehöre nämlich zu denen, die von Anfang an wussten und auch sagten, daß das, was sich dieser Tage ereignete, früher oder später passieren musste!

Wir sollten endlich Erkenntnisse zulassen und Atomkraft stoppen!

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Interessiert an Bürgerrechten und Netzpolitik. In der IT-Branche tätig. Parteilos, zumindest was die Parteien anbelangt.

Ich mag süße Kätzchen sehr.
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9 Kommentare

  1. Gero schreibt:

    Du hast kein schlechtes Gewissen?
    Ich habe eins. Ich frage mich immer wieder, warum es erst soweit kommen musste. Warum die Anti-AKW-Bewegung nicht stärker war und Atomkraftwerke abschaffen konnte, bevor ein weiterer Unfall passiert.
    Warum haben wir nicht mehr dagegen getan? Warum gab es nicht mehr Demos? Warum waren diese nicht noch größer? Warum haben wir es nicht geschafft die Merkel von der Grausamkeit der Atomkraft zu überzeugen, bevor das Ding hochgeht?

    Hätten wir nicht auch international aktiver sein müssen?

    Als ich vor gut einem Jahr in Japan war habe ich einige Diskussionen über die Atomkraft gehabt … (gerade die Japaner, die in Hiroshima und Nagasaki lernen mussten, wie gefährlich Atomkraft sein kann; warum bauen gerade DIE so sehr auf Atomkraft? Und dann wollten sie auch noch Atomwaffen, um Nordkorea nicht unterlegen zu sein…) Aber warum half es alles nichts? Warum musste erst die Katastrophe eintreten, dass wir wieder ersthaft darüber diskutieren? Warum gibt es noch immer keine klare Linie *unserer* Regierung gegen Atomkraft?

    Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich auch jetzt vor’m Rechner sitze und Arbeite, statt zu demonstrieren. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass wir so schwach sind, nicht mal diesen Unfall verhindert zu haben, *obwohl* wir wissen, wie gefährlich das sein kann.

    13.3.2011 um 18:45

  2. Schnelle Infos zu #AKW #Japan « … Kaffee bei mir? schreibt:

    [...] Ja, pervers. Aber wahr. Peter Piksa: Genugtuung über eine Kernschmelze [...]

    13.3.2011 um 19:58

  3. Danny schreibt:

    also ich hätte an deiner stelle ein schlechtes gewissen. hab die tage gelesen das japan nur 1/3 der stromproduktion aus akws bezieht, was bei einem land mit dieser wirtschaft tatsächlich gering ist. dazu kommt noch, das es für japan kaum möglichkeiten gibt.
    wenn du welche hast, nenn sie mir gerne, aber die insel ist zu klein als das sie da viel machen kann.

    in deutschland hingegen ist das ein ganz anderes thema, da gibts die alternativen und die flächenmäßigen möglichkeiten.

    13.3.2011 um 22:52

  4. »Paula« schreibt:

    Wie viel Energie Japan aus Kernkraft bezieht, weiß ich nicht, aber dass Japan (vor allem Tokio) wahnsinnig viel an Strom vergeudet (z. B. durch riesige Lichterreklamen und Getränkeautomaten alle fünf Meter), das sollte auch mal überlegt werden. :(

    14.3.2011 um 9:59

  5. Mika schreibt:

    Told you so..? Nicht so wirklich. Auch heute (14.3) gab es noch keinen Super-GAU (hoffentlich bleibt das so!) Daher habe sehe ich keinerlei neuen Argumente für oder wieder Atomkraft. Erbenbeben dieser Stärke gibt es bei uns nicht also was hat sich *sachlich* an der Lage der AKW in Deutschland geändert?

    Also kein Grund für ein falsches schlechtes Gewissen.

    14.3.2011 um 14:43

  6. Chris schreibt:

    “Sie sind es nämlich auch schuld, daß es mich mit einer gewissen Genugtuung erfüllte, die Meldung der Kernschmelze zu lesen”

    Klingt ein wenig so, als ob du deine eigenen Gewissensbisse auf andere Leute abwälzen willst. Wenn es dich besser fühlen lässt.. Für deine moralischen Standards solltest du aber ganz allein verantwortlich sein, oder?

    Was mich zum Inhalt bringt: Told you so? Genugtuung? Ja sogar, Freude über das Argument? Aus unserer Entfernung lässt sich das vielleicht einfach sagen. Schließlich erledigen die Japaner momentan einen guten Dienst für unsere Sache, aus der Atomenergie aussteigen zu wollen.

    Mir stellt sich nur die Frage, ob du dasselbe schreiben würdest, wenn ein deutsches AKW diese Probleme hätte? Wenn es uns also direkt betreffen würde? Wäre im Prinzip ja besser, denn das könnte dann ja wirklich keiner mehr kleinreden.

    Bei mir jedenfalls hinterlassen deine Zeilen ein mehr als mulmiges Gefühl, während ich mich um eine gute Freundin sorge, die genau einen Tag vor der Katastrophe nach Japan zu ihren Eltern geflogen ist. Dort ist sie jetzt gerade einmal 100km von Fukushima entfernt …

    15.3.2011 um 16:58

  7. Peter Piksa schreibt:

    @Chris: Ich kann Deine Gefühle (mutmaßlich) nachvollziehen. Beachte bitte, daß ich bei meiner Forumulierung peinlich genau darauf achtete, angemessene Worte zu finden (zumindest so weit es denn überhaupt geht). Deswegen steht auch sich “zu freuen” ganz bewusst in Gänsefüßchen. Mit Freude im Sinne von Freude, wie man sie normal meint, hat das wenig zu tun.

    Interessante Frage, die Du aufwirfst: Wie sähe es aus, wenn eines unserer Kraftwerke, oder eines der Franzosen betroffen wäre? Ich muss nur kurz darüber nachdenken, um zu dem Schluß zu gelangen, daß ich dann sicherlich zuförderst darum besorgt wäre, mich vor Strahlung zu schützen. Dieses Told-You-So wäre in solch einer Situation untergeordnet. Es wäre aber nicht weg, es würde sich nur in tiefen Schmerz und Enttäuschung übersetzen. Schmerz und Enttäuschung darüber, daß ich jetzt die Folgen einer nuklearen Katastrophe ausbaden muss, obwohl ich zu denen gehörte, die immer dagegen waren.

    Durch Dein Posting begreife ich die Situation, in der ich mich befinde (weil ich so weit weg von Japan bin) als Privileg. Ein Privileg, mich (noch) nicht um meine Gesundheit sorgen zu müssen.

    Ich begreife dieses Privileg auch als Grundlage dafür, es sich leisten zu können, weiterhin gegen Atomkraft zu werben. Genösse ich dieses Privileg nicht, könnte ich mir Widerstand gar nicht erst leisten, weil ich dann nämlich sprichwörtlich “ganz andere Sorgen” hätte.

    Hab Dank für Dein Posting!

    15.3.2011 um 19:18

  8. Johannes Döh schreibt:

    @danny

    …aber die insel ist zu klein als das sie da viel machen kann.

    in deutschland hingegen ist das ein ganz anderes thema, da gibts die alternativen und die flächenmäßigen möglichkeiten.

    Was ist denn das für eine Bildzeitungslogik? Japan ist schon eine recht große Insel, genau genommen sind es mehrere. Japan besitzt eine Fläche von 377835 qkm, Deutschland hat 357112 qkm. Worin bitte begründet sich deine Behauptung, die “Insel” sei zu klein? Warum soll es in Japan nicht nicht vergleichsweise Alternativen wie in Deutschland geben?

    @Gero

    Wenn die von uns gewählte Regierung, welche bedauerlicherweise eine gelb- schwarze, Atomlobby- freundliche ist, eben eine andere Richtung einschlägt, sollte man sich durchaus Gedanken darüber machen, wie sich dieser Zustand ändern lässt. Bei den kommenden Wahlen gibt’s dafür schon Möglichkeiten, wenn auch nicht so weitreichend. Dabei nutzen “Nichtwähler” gerade den etablierten Parteien. Wie wärs denn mal mit der Piratenpartei? Die aktuelle Regierung würde am liebsten Demos komplett verbieten, die Kommunikation übers Internet blockieren und sperren. Man sollte dort beginnen, wo es am effektivsten ist…

    16.3.2011 um 12:02

  9. Markus schreibt:

    Guter Beitrag. Genau solche Gedanken habe ich zur Zeit auch. Und was du über die “dummen Leute, die sich um ihren ach so wichtigen Wohlstand sorgen” schreibst, unterschreibe ich auch. An solchen Bild-Zeitungsjüngern wird die Welt noch zugrunde gehen… Peace. Hoffentlich.

    19.3.2011 um 2:15

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