Blog von Peter Piksa

Archive for Dezember, 2011

Dezember 29th, 2011

Deutsche Sprache stärken mit Herr Lammert

Posted in Allgemein by Peter Piksa

Unser Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) wirbt mal wieder für seinen Deutsche-Sprache-stärken-Friemel – was ja an und für sich nicht unbedingt etwas Schlechtes ist, zumal mir persönlich die Verhunzung unserer Sprache beispielsweise durch diese penetrante Verenglischung ebenfalls auf den Geist geht. Wäre da nicht Lammerts schädliches Begehren, die Deutsche Sprache als quasi Vorgabe in unser Grundgesetz aufzunehmen.

Ich halte diese Forderung für falsch weil irrational und schädlich. Irrational deshalb, weil erstens ohnehin klar ist, daß in Deutschland Deutsch gesprochen wird und zweitens, weil in unzähligen Gesetzestexten und Verordnungen ohnehin zweifellos festgestellt ist, daß Deutsch in Deutschland die Amtssprache ist. Schädlich deshalb, weil diese Forderung nur Symbolcharakter hat und einen Akt der Abschottung kultureller Gepflogenheiten darstellt. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hat das in einem Podcast von Holgi neulich schön dargestellt.

Und genau da sind wir schon beim Thema: Sprache ist Ausdruck der Kultur in einem Gebiet. Kultur ist, das habe ich schon mehrfach erwähnt, aber keine in Stein gemeißelte Richtschnur, nach der man sich gefälligst zu richten hat, sondern Ausdruck aller gesellschaftlichen Strömungen. Die Forderung Deutsch ins Grundgesetz aufzunehmen, hat also eher den Charakter eines “Ihr macht gefälligst das, was wir euch sagen. Und wenn es die Sprache ist, in der ihr zu sprechen habt!”.

Entlarvend für diese Geisteshaltung war ja schon Lammerts Einlass im letzten Jahr, als er sinngemäß meinte: “Wenn wir Deutsch im Grundgesetz hätten, dann wäre die Debatte über Deutsch als verbindliche Sprache auf den Schulhöfen schneller vom Tisch”.

Aber abseits von Herrn Lammert: Ich finde es ja immer wieder amüsant, wie man im Rahmen dieser Debatte immer auf das Thema Ausländer zu sprechen kommt und auf der einen Seite betont wird, daß das Erlernen der deutschen Sprache als Voraussetzung für die Einwanderung gilt und daß gefordert wird, daß Abschiebungen stattfinden sollen, wenn man kein gutes Deutsch spricht, gleichzeitig jedoch nur die wenigsten auch nur im Ansatz bemerken, daß wir gefühlt 30% der Deutschen irgendwohin abschieben müßten, wenn diese Regel tatsächlich für alle hier lebenden gelten sollte.

Schaut euch nur einmal das Teils grauenhafte Deutsch in den Kommentarspalten auf Facebook an. Konrad Duden bekäme auf einen Schlag Durchfall, Magengeschwüre und Augenkrebs, wenn er dieses in Text gegossene Elend von heute sähe.

Um bessere Fähigkeiten im Umgang mit der Deutschen Sprache zu erlangen, habe ich übrigens einen Vorschlag: Viel lesen und viel schreiben. Es soll Leute geben, die durch konstantes Üben in dem, was sie machen, richtig gut geworden sind – und zwar ganz ohne Zuhilfenahme des Grundgesetzes.

Nachtrag von 16:50 Uhr: Daß manchen dann immer noch Fehler unterlaufen, ist nicht auszuschließen, wie an dem Titel meines Artikels zu sehen ist. Eigentlich müßte es nämlich “Herrn Lammert” heißen. Ich nehme es sportlich und bedanke mit bei der netten Hinweisgeberin.

Dezember 27th, 2011

Internet-Zensurdebatte beginnt von neuem

Posted in Allgemein by Peter Piksa

Die meisten Leser meines Blogs werden sich erinnern, daß besonders während des letzten Bundestagswahlkampfs eine Diskussion um das Zensieren des Internets geführt wurde. Mit dem so genannten Zugangserschwerungsgesetz sollte eine Zensurinfrastruktur errichtet werden, die, so bekräfigten seiner Zeit ihre Befürworter, im Kampf gegen dokumentierten Kindesmissbrauch genutzt werden sollte. Letzten Endes kam alles anders: Das Zugangserschwerungsgesetz wurde durch einen Nichtanwendungserlass faktisch kaltgestellt, worauf im April diesen Jahres vonseiten der Bundesregierung bekannt gemacht wurde, daß mit einem Aufhebungsgesetz das irrige Zensurbestreben rückgängig gemacht wird.

Ein Sieg der Vernunft, der – sofern ich über den gegenwärtigen Stand der Dinge richtig informiert bin – nur noch auf die Absegnung des Bundesrates und die Unterschrift des Bundespräsidenten wartet. Mit seiner Unterschrift wird nicht nur eine Gesetzgebung rückgängig gemacht, die den Rechtsstaat gefährdet: Diese Unterschrift dokumentiert für die Nachwelt einen über drei Jahre andauernden Vorgang, über dessen Ausgang wir aus unterschiedlichen Gründen freuen können. Die Gefahr der Internetzensur wurde vorerst gebannt und im Zuge des Prozesses wurden Verfahren geschaffen, die die Löschung von dokumentiertem Kindesmissbrauch beschleunigen und die Chancen auf Strafverfolgung steigern.

Wussten bisweilen größtenteils nur gut informierte Kreise, daß es sich hierbei nur um einen zeitlich befristeten Erfolg handelt, dürfte spätestens mit diesem auf Zeit Online erschienenem Artikel über die Bestrebungen der Initiative White-IT klar sein, daß die Zensurdebatte in Deutschland keinesfalls beendet ist. Sie geht vielmehr in die nächste Runde. Mit von der Partie sind Unternehmen wie Microsoft, Avira, Computacenter, Siemens und einige weitere teils global tätige Akteure.

Kai Biermann, Autor des in Rede stehenden Artikels urteilt über White-IT:

„White-IT ist eine gut gemeinte Initiative gegen Kinderpornos. Doch die Betreiber haben gefährliche Pläne: Sie wollen das gesamte Netz ohne Anlass und Verdacht überwachen.“

Und wer den Artikel liest, wird erkennen, daß es hierbei wieder einmal in dieselbe Richtung geht, wie schon beim Zugangserschwerungsgesetz. Wieder will man rechtsstaatliche Prinzipien aushebeln und wieder einmal versucht man sich der Kindesmissbrauchs-Argumentation zu bedienen, um an seine Ziele zu kommen. Daß hier dasselbe Missbrauchspotenzial wie schon beim Zugangserschwerungsgesetz gegeben ist, hindert die beteiligten Akteure augenscheinlich nicht darin, dieses fragwürdige Unterfangen voranzutreiben.

Im Kampf gegen Zensur dürfen wohl ein weiteres Mal die Ärmel hochgekrämpelt werden. Welchen konstruktiven Beitrag das Bündnis White-IT hierbei bisher geleistet hat und in Zukunft zu leisten gewillt ist, steht für mich angesichts der schlechten Erfahrungen, die ich mit White-IT sammeln durfte auch nach Durchsicht ihrer Lösungsansätze nach wie vor in Frage. So wird der geschätzte Christian Bahls über die White-IT beispielsweise wie folgt zitiert:

„Im Bündnis White-IT sind natürlich auch vernünftige Akteure vertreten. Jedoch sehe ich den tatsächlichen Schutz von Opfern immer weiter in den Hintergrund treten. Dafür treten immer deutlicher die Projekte nach vorne, die eine neue Kontroll- und Überwachungsstruktur zu etablieren scheinen.“

Und eines noch: Weil sowohl bei Zeit Online als auch bei Golem von “Kinderpornographie” gesprochen wurde und weil ich immer wieder feststelle, daß dieser Begriff sich hartnäckig hält, rege ich an, von der Verwendung dieses Begriffs abzusehen und stattdessen “dokumentierter Kindesmissbrauch” zu verwenden. Nach meiner Auffassung spricht der Begriff “Kinderpornographie” dem wahren Charakter der damit bezeichneten Straftaten Hohn.

Pornographie ist in unserem Kulturkreis weder gesetzlich verboten, noch gesellschaftlich geächtet. Pornographie ist ein Filmgenre, in dem die szenische Darstellung einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs dargestellt wird. Es handelt sich um gespielte Handlungen, die Produktion eines solchen Filmes erfolgt sowohl in privaten als auch in gewerblichen Produktionen im Einvernehmen aller beteiligten Akteure. Die Rede ist demnach von legalen, zivilisierten Handlungen.

Wenn von “Kinderpornographie” die Rede ist, verkehren sich alle diese Ausführungen in ihr Gegenteil. Es handelt sich hierbei um Straftaten gemäß Abschnitt 13 Strafgesetzbuch: “Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung”. Kindesmissbrauch ist zu Recht gesellschaftlich geächtet. Die Handlungen in den betreffenden Filmdokumenten geschah weder einvernehmlich, noch wurde auf das seelische, körperliche oder gesundheitliche Wohl der unfreiwilligen Akteure geachtet.

Wer den Begriff “Kinderpornographie” verwendet, hat sich über all dies entweder noch keine ausreichenden Gedanken gemacht, oder er nimmt es billigend in Kauf, daß Dinge miteinander vermischt werden, die nichts miteinander zu tun haben. Gewalt- und Vergewaltigungsstraftaten an Kindern werden auf diese Weise verharmlosend dargestellt.

Ich würde es daher sehr begrüßen, künftig von “dokumentiertem Kindesmissbrauch” anstelle von “Kinderpornographie” zu lesen. Straftaten, zumal von derart menschenverachtender Sorte sollten nicht mit als unstrittig geltenden legalen Handlungen vermengt werden.

Nachtrag von 20:30 Uhr: Der Golem-Leser GodsBoss weist mich darauf hin, daß der Begriff “dokumentierter Kindesmissbrauch” nicht makellos ist, weil in Deutschland auch schon eine Zeichnung eines vergewaltigten Kindes oder eine erfundene Geschichte als “Kinderpornographie” gewertet wird. Weil hierbei tatsächlich niemals ein lebendes Kind misshandelt wurde, kann folglich auch nicht von der Dokumentation eines Kindesmissbrauchs die Rede sein.

Das ist soweit richtig. Ich korrigiere meinen Vorschlag zur Wortwahl daher in “Kindesmissbrauchsdarstellung”. Damit ist sichergestellt, daß gezeichnete oder beschriebene Kindesmissbrauchsdarstellungen ebenfalls erfasst werden, während gleichzeitig die Vermischung von Straftaten mit legalen Handlungen vermieden wird.

Dezember 4th, 2011

Wie laut Focus Online aus nur zehn Frauen beim Piratenparteitag plötzlich 10% wurden

Posted in Allgemein by Peter Piksa

Es ist schon erstaunlich, wie groß der Graben zwischen Realität und Wahrnehmung einzelner Journalisten beim Bundesparteitag der Piraten teilweise sein kann. ”Focus Online” ist mir hierbei durch einen besonders interessanten Vorgang aufgefallen. Unter dem Titel “Piraten sind wie früher die Grünen – nur schlimmer” beschreibt der Autor Fabian Mader die Piratenpartei klischeehaft als eine Partei mit Frauenproblem:

Eine Gruppe, die allerdings definitiv unterrepräsentiert ist, ist die Gruppe der Frauen. Vorurteile versuchten die Piraten schon zu Beginn des Parteitags mit Ironie auszuräumen. Die Veranstaltungsleitung bat alle Piratinnen, mal aufzustehen. Medien hätten nach Bereichen gesucht, in denen nur Männer säßen, um Vorurteile zu manifestieren. War natürlich ein Witz. Am Ende standen rund zehn Frauen auf. Und ein Mann. Keine gute Quote bei 1250 Teilnehmern.

Mich machte dieser Einlass selbst als parteilosen Beobachter stutzig, war mir doch über Twitter aufgefallen, daß Medienvertreter, die auf dem Bundesparteitag anwesend waren, mit den Worten “Hier können wir nicht filmen, hier sind zu viele Frauen!” zitiert wurden. Man wird diese Aussage schlecht beweisen können, aber sie gibt ein gewisses Stimmungsbild wider, das noch immer in den Köpfen einiger Journalisten herrschen zu scheint.

Ich selbst kenne mindestens drei weibliche Piraten, die dem Bundesparteitag beigewohnt haben. Daß unter 1.250 Teilnehmern bloß zehn Frauen anwesend sein sollen und daß diese Darstellung auf einer Nachrichtenseite tatsächlich veröffentlicht wird, sagt bereits viel über den Qualitätsanspruch des beim Burda Verlag beheimateten “Focus Online” aus. Dies gilt besonders, weil Teilnehmer des Bundesparteitags von einem Frauenanteil zwischen 20% bis zu einem Drittel berichten.

Doch damit nicht genug: Stammte Fabian Maders erster Artikel von 13.53 Uhr, veröffentlichte er bereits um 15:01 Uhr einen weiteren mit dem Titel “17 Jahre alt, Parteivorstand“, in dem er das Thema Frauen in der Piratenpartei ein weiteres Mal bearbeitete. Plötzlich ist von einem Frauenanteil in Höhe von 10% die Rede.

Im Gespräch mit einer Karin Alexandra Arlt aus Berlin taucht in Maders zweiten Artikel der Hinweis auf eine Studie auf, die einen 10%igen Frauenanteil der Piraten beweisen soll. Einen Hinweis auf den Arbeitstitel besagter Studie oder einen Link auf eben jene lässt der Artikel jedoch vermissen.

Wie aussagekräftig diese Studie ist, sofern es sie denn gibt, ist ohnehin fraglich, zumal das Geschlecht der Mitglieder bei der Piratenpartei nicht erfasst wird. Zurzeit zählt die Piratenpartei Deutschland nach eigenen Angaben 18.845 Mitglieder. Bei einer angeblichen Quote von 10% wären demnach 1885 Mitglieder weiblich. Offenbach, also die Stadt, in der der Bundesparteitag ausgerichtet wurde, liegt im Bundesland Hessen, welches insgesamt 1.224 Mitglieder der Piratenpartei beherbergt, womit Hessen zu einer der sechs Piratenhochburgen mit mehr als 1.000 Mitgliedern zählt.

Wie wahrscheinlich es ist, daß ein Bundesparteitag, der in einer Piratenhochburg ausgetragen wird, lediglich 10 Damen anzieht, mag jeder für sich selbst beurteilen. Über den “Qualitätsjournalismus” in Deutschland wurde ja bereits hinlänglich geschrieben.