Blog von Peter Piksa

Offener Brief an den WDR 5 zu Creative Commons und Depublikationspflicht

3.1.2012, 18:12 Uhr

Am 1. Januar habe ich auf die Facebook-Pinnwand des WDR 5 einen offenen Brief mit folgendem Inhalt gepostet:

Liebes Team von WDR 5,

für 2012 habe ich eine Bitte an euch.

Stellt eure Audiobeiträge, die man bis zum Zeitpunkt der Depublikation auf eurer Website findet, doch künftig bitte unter eine Lizenz, die es dem Höhrer erlaubt, das Werk ungehindert über Tauschbörsen oder die eigene Website (beispielsweise das eigene Blog) weiterzuverbreiten. Creative Commons wäre hierfür geeignet. Und setzt unter jeden Audiobeitrag bitte auch gleich einen BitTorrent-Link zur besagten Datei.

Solange die Depublikationspflicht besteht, liese sich auf diesem Wege das betreffende Werk für die Nachwelt erhalten. Ausserdem würden eure Produktionen einen größerem Publikum zugänglich, wenn ich als Blogger nicht dauernd die Angst hätte, mich strafbar zu machen, wenn ich einen eurer Beiträge runterlade und auf meinem Blog veröffentliche.

Beispielsweise habt ihr kürzlich ein tolles vierteiliges Feature zur Geschichte des Urherberrechts gemacht. Die Audiodateien würde ich gerne auf mein Blog setzen (oder zumindest per BitTorrent verlinken) um meine Leser a.) auf euer Feature und b.) auf das Thema als solches aufmerksam zu machen. Kann ich aber nicht, weil ich dauernd Angst habe, daß mir dann möglicherweise einer der WDR-Hausjuristen mit dem dicken Hammer eine Unterlassungserklärung inkl. Kostennote auf meinen Schreibtisch kloppt. Ihr tut euch damit also im Grunde genommen nicht nur keinen Gefallen, nein mehr noch: ihr verhindert damit faktisch, daß eure Produktionen gehört werden können, nachdem sie Depubliziert werden mussten.

Wichtig wäre mir noch, daß alle angebotenen Dateien, ob nun Audio oder Video (wenn man mal die öffentlich rechtlichen allgemein betrachtet) auch in einem universellen Dateiformat zugänglich gemacht werden. Was nicht sein sollte, ist daß die Dateien in irgendeinem proprietären Microsoft-Dateiformat angeboten werden, sondern es muss ein universelles Format wie beispielsweise H.264 (also MP4) sein.

Wäre es möglich, daß ihr mir meine Wünsche dieses Jahr erfüllt? :-)

Mit interessierten Grüßen
Peter Piksa

Heute, am 3. Januar antwortete mir die WDR 5 Redaktion öffentlich:

Lieber Herr Piksa, vielen Dank für Ihre Anregung. Wir melden uns, wenn es dazu eine Entscheidung gibt.

Das lässt mich tatsächlich hoffen. Ich habe jetzt eine Bitte an euch, liebe Leser meines Blogs: Wenn ihr auf Facebook seid, dann klickt bitte meinen offenen Brief und drückt dort auf Like und hinterlasst der Redaktion des WDR 5 nach Möglichkeit auch noch einen freundlichen Kommentar – vielleicht kriegen wir das Ding gemeinsam ja tatsächlich gewuppt.

Nachtrag vom 18.01.2012, der WDR antwortet:

Eines vorweg. Die vielen positiven Reaktionen, die mein offener Brief auslöste, haben mich sehr gefreut. Auf Facebook erntete der Brief über 200 Likes und auf Twitter und diversen Blogs wurde die Sache ebenfalls sehr positiv aufgenommen. Vielen Dank. Inzwischen sind zwei Wochen vergangen und der WDR hat mir geantwortet:

Lieber Peter Piksa,

Sie mussten längere Zeit auf eine Antwort warten – das Thema ist komplex! Vielen Dank für Ihre Geduld.

Wir sehen im rechtlichen Regelungsrahmen, in dem wir agieren, zur Zeit zu hohe Hürden, unser gesamtes Programmangebot (oder zumindest weite Teile davon) mit Creative Commons Lizenzen auszustatten, um damit z.B. den kommunikativen Austausch zwischen Nutzern im Internet zu fördern. Die in unsere Produktionen maßgeblich eingebundenen Rechtegeber (Autoren, Verwertungsgesellschaften, Agenturen, Archive u.a.) dazu zu bewegen, alle notwenigen Rechte zu den Konditionen einer CC-Lizenz einzuräumen, wäre äußerst schwierig. Insbesondere die angestrebte weitgehend freie Bearbeitungsmöglichkeit durch Dritte stellt für viele Kreative eine sehr ernst zu nehmende Hürde dar. Das Urheberpersönlichkeitsrecht spielt bei uns, ganz anders als zum Beispiel im anglo-amerikanischen Rechtskreis, eine herausragende Rolle und ist für Kreative von größter Bedeutung.

Neben den urheberrechtlichen Fragen sind aber auch persönlichkeitsrechtliche Belange zu beachten, die durch die freie Bearbeitung durch Dritte ausgelöst werden. Welche Haftungsrisiken damit für denjenigen, der die Inhalte im Rahmen einer CC-Lizenz zur Verfügung stellt, verbunden sind, ist juristisch nicht geklärt. Es wird nicht auszuschließen sein, dass betroffene Dritte versuchen werden, auch den Sender (also uns!) als Lieferanten des Ursprungsmaterials in Anspruch zu nehmen.

In der Diskussion hier [mit "hier" meint der WDR die öffentliche Diskussion auf Facebook] wurden auch NDR-Sendungen angesprochen: Bitte bedenken Sie, dass es um lediglich zwei Sendungen (Zapp und Extra3) geht und dort auch wiederum nur um eigens für CC-Lizenzen freigegebene Inhalte. Diese Inhalte berühren keine Drittrechte (Musik, Ausschnitte u.ä.).

Diese Antwort wird Sie nicht begeistern, wir bitten Sie dennoch um Verständnis.

Zurzeit hinterlässt mich die Antwort des WDR mit zweierlei: Enttäuschung und Ratlosigkeit. Vielleicht ist es das Klügste, die Sache erstmal so stehen zu lassen und zu sehen, welche Reaktionen es hervorbringt. Liebe Leser, ihr seid jetzt am Zug.

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Interessiert an Bürgerrechten und Netzpolitik. In der IT-Branche tätig. Parteilos, zumindest was die Parteien anbelangt.

Ich mag süße Kätzchen sehr.
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25 Kommentare

  1. Torsten schreibt:

    typo: “Höhrer”

    3.1.2012 um 20:10

  2. Damian Duchamps schreibt:

    Danke für deine Initiative. Beim WDR hätten sie selbst darauf kommen können. Hoffen wir mal, sie machen das auch.

    3.1.2012 um 20:18

  3. Offener Brief: Creative Commons gegen Depublizierung bei Metronaut.de – Big Berlin Bullshit Blog schreibt:

    [...] Sender depuplizieren alle Veröffentlichungen nach einer bestimmten Zeit. Peter Piksa hat jetzt dem WDR5 einen offenen Brief mit einer einfachen Lösung geschickt: stellt doch einfach alles unter Creative Commons. Finde [...]

    3.1.2012 um 22:24

  4. Klaus Graf schreibt:

    Ist ja nicht so, dass diese Idee neu wäre. Aber sie ist gut
    http://archiv.twoday.net/stories/64023585/

    3.1.2012 um 23:36

  5. vinz schreibt:

    Nice try, aber das wird nichts. Die Autoren der Beiträge würden damit ihre Rechte abgeben. So lange diese Generation noch arbeitet, seh ich da keine Chancen. Holgi hat das in einer NSFW-Folge sehr schön erklärt, irgendwo ab #15 oder so.

    4.1.2012 um 0:04

  6. M schreibt:

    Was Vinz sagt, gute Sache, wäre wunderbar. Das Depublizieren ist schon allein deshalb unsäglicher Blödsinn und muss abgeschafft werden weil die Beiträge ja von den Gebührenzahlern bezahlt wurden, ihnen aber dann nicht mehr zur Verfügug stehen. Aber für CC sehe ich leider schwarz – selbst wenn wir Autoren (bin auch Rundfunkautor, allerdings selten für den WDR) alle mitmachen würden – der ganze Apparat ist so komplex und es müssten alle Autorenverträge geändert werden und dann gibt es ja noch die ganzen Musikrechte – da hat man auch intern keine Freude mit den Rechtsabeteilungen bzw der Tatsache, dass man für netzfähige Beiträge nur bestimmte Musik verwenden darf. Der beste Hebel wäre imho eine Rückveränderung des Medienstaatsvertrags – also Depublizierungspflicht rauswerfen – und den Staatsvertrag unterzeichnen glaube ich die Ministerpräsidenten der Bundesländer.

    4.1.2012 um 2:25

  7. Links anne Ruhr (04.01.2012) » Pottblog schreibt:

    [...] Offener Brief an den WDR 5 zu Creative Commons und Depublikationspflicht (Blog von Peter Piksa) – Momentan muss der WDR nach einer gewissen Zeit produzierte Inhalte wieder aus dem Internet nehmen – das so genannte "Depublizieren". Peter Piksa hat WDR 5 gebeten künftig Beiträge unter einer passenden Creative Commons-Lizenz zu veröffentlichen, damit die Werke für die Nachwelt erhalten bleiben können. [...]

    4.1.2012 um 6:18

  8. Zaphod schreibt:

    Schöne Idee, aber leider nicht sehr realistisch. Da sehe ich – wie der Kollege weiter oben – eher schwarz. Zumal es nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis der Gesetzgeber diese mögliche Hintertür schließen würde, da die Löschpflicht den Sinn hat, die Beiträge nach Frist X aus dem Netz verschwinden zu lassen. Sie mit CC frei zu machen und für alle Zeit legal kursieren zu lassen dürfte da einigen Leuten so gar nicht passen.

    4.1.2012 um 6:50

  9. Peter Piksa schreibt:

    @Zaphod: Dann müssten sie konsequenterweise aber die Verbreitung übers Netz insgesamt verbieten und somit selbst keine Downloads mehr anbieten. Wenn ich mir einen Audiobeitrag aber eine zeitlang herunterladen kann, ist es prinzipiell auch möglich, sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder online zu stellen.

    4.1.2012 um 10:42

  10. Stefan schreibt:

    Wo ist denn der Hinweis das alle Inhalte dieses Blogs unter CC stehen?

    Ich finde Schmarotzer schlimm die meinen Aufgabe des ÖRR wäre es für die Bundesbürger ein Archiv aller Inhalte anzubieten.

    Der ÖRR ist Rundfunk,dafür steht übrigens das letzte R in ÖRR.

    4.1.2012 um 23:52

  11. Stefan schreibt:

    >Das Depublizieren ist schon allein deshalb unsäglicher Blödsinn und muss abgeschafft werden weil die Beiträge ja von den Gebührenzahlern bezahlt wurden, ihnen aber dann nicht mehr zur Verfügug stehen.

    Geiles Argument.
    Das kann man genauso gut für Vergewaltigungen bringen.
    Der ÖRR muss Abgeschafft werden,es ist nciht hinzunehmen das alle Bürger dafür bezahlen müssen das einige wenige ihre Meinung prominet verbreiten können,während der erst mundtot gemacht wird.

    Sowohl im Fiktionalen wie im “journalistischen” bereich,ist der ÖRR einfach nur unterirdisch.

    Siehe das Wulf Interview heute,wo die ÖRR nen exklusiv Interview mit Wulf machen.
    Das zeigt wie wenig die ÖRR und Wulf von freier unabhängiger Presse halten!

    4.1.2012 um 23:58

  12. Sabine Engelhardt schreibt:

    @M Nur weil es umständlich und arbeitsaufwendig wäre, ist es noch lange nicht falsch :-) Das heißt nur, daß damit endlich mal angefangen werden sollte.

    @Stefan: Bezahlen denn die Steuerzahler den Peter für sein Blog? Ich glaub’s mal nicht. So sehr ich Creative Commons unterstütze, wenn es möglich ist: Der Vergleich eines privaten Blogs mit den öffentlich-rechtlichen Sendern ist hier schon ein wenig arg daneben.

    5.1.2012 um 14:15

  13. Helgo Ollmann schreibt:

    “Insbesondere die angestrebte weitgehend freie Bearbeitungsmöglichkeit durch Dritte stellt für viele Kreative eine sehr ernst zu nehmende Hürde dar.”
    Das stimmt schon. Aber mit einer CC BY-NC-ND 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/) wäre das doch ausgeschlossen.

    19.1.2012 um 15:21

  14. NeoVG schreibt:

    Dem letzten Kommentar stimme ich zu. Eine freie Bearbeitungsmöglichkeit wäre nicht notwendig, es geht primär darum, die Inhalte zu erhalten.

    20.1.2012 um 14:43

  15. David Tsrouya schreibt:

    Vielen Dank für ihre Initiative Herr Piksa!

    20.1.2012 um 15:03

  16. WDR beantwortet offenen Brief zu Depublikationspflicht und CC - Creative Commons schreibt:

    [...] dass die Depublikationspflicht verletzt werden würde. Inzwischen hat der WDR recht ausführlich geantwortet und man sieht der Antwort an, dass man sich dort mit dem Thema [...]

    20.1.2012 um 16:05

  17. WDR beantwortet offenen Brief zu Depublikationspflicht und CC » Von John Weitzmann » netzpolitik.org schreibt:

    [...] dass die Depublikationspflicht verletzt werden würde. Inzwischen hat der WDR recht ausführlich geantwortet und man sieht der Antwort an, dass man sich dort mit dem Thema [...]

    20.1.2012 um 16:23

  18. Depublikationspflicht « Roberts Blog schreibt:

    [...] Dezember hatte Blogger Peter Piksa sich per offenem Brief an den WDR gewandt. Ihm (wie vielen anderen) leuchtet nicht ein, warum öffentlich-rechtliche Medieninhalte [...]

    25.1.2012 um 0:37

  19. Linksammlung Urheberrecht schreibt:

    [...] “Offener Brief an den WDR5 zu Creative Commons…” (1.1.2012, Peter Piksa) [...]

    25.1.2012 um 9:51

  20. Weblinks #18 | Rechtsanwalt Martin Steiger schreibt:

    [...] Westdeutscher Rundfunk (WDR): Zu hohe rechtliche Hürden für Veröffentlichung von Inhalten unter C… [...]

    25.1.2012 um 14:20

  21. Fair Use, GEMA weg und Creative Commons im öffentlich-rechtlichen Rundfunk « Daisymupp schreibt:

    [...] werden. Der Radiosender WDR5 hatte einen entsprechenden Vorschlag gegenüber dem Blogger Peter Piksa unlängst mit der Begründung abgelehnt, dies würde zu viel Arbeit [...]

    20.2.2012 um 17:01

  22. Lohengrin schreibt:

    Du hättest dir den Brief sparen können. Die Antwort war vorher klar.
    Das ist Juristerei. Da wird tagelang über irgend einen Tünnes diskutiert, und heraus kommt sowohl etwas, das dem gesunden Menschenverstand widerspricht, als auch sein Gegenteil.

    Verdammtnochmal! Das ist im Radio gelaufen. Das hätte Hans und Franz speichern können, sogar mit einem Kassettenrekorder von vor 30 Jahren.
    Wer nicht will, dass etwas über ihn öffentlich ist, darf das nicht im Radio erzählen. Und was im Radio gelaufen ist, ist öffentlich.
    Wann ist endlich Schluss mit diesem Wahnsinn? Denk mal daran, wie unsere Nachkommen darüber lachen werden! Die werden sich schämen, von uns abzustammen.

    25.3.2012 um 3:03

  23. Trotz Rundfunkgebühren: WDR verlangt 30 Euro für einen Sendungsmitschnitt » Blog von Peter Piksa schreibt:

    [...] Es ist übrigens nicht das erste Mal, daß ich wegen dieses grotesken Protektionismus mit dem WDR aneinandergeraten bin. Zum Jahreswechsel startete ich eine von hunderten Bürgern unterstütze Anfrage an den WDR, ob man bereit sei, die eigenen Inhalte unter einer Creative Commons Lizenz ins Netz zu stellen. Eben damit wir Gebührenzahler auch etwas von unseren Gebühren haben. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus. [...]

    31.5.2012 um 18:54

  24. Juristische Weblinks #18 | Steiger Legal schreibt:

    [...] Westdeutscher Rundfunk (WDR): Zu hohe rechtliche Hürden für Veröffentlichung von Inhalten unter C… [...]

    30.9.2012 um 20:59

  25. Juristische Weblinks #18 | Steiger Legal schreibt:

    […] Westdeutscher Rundfunk (WDR): Zu hohe rechtliche Hürden für Veröffentlichung von Inhalten unter C… […]

    19.10.2013 um 21:49

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