Blog von Peter Piksa

Von der Netz-Feuerwehr zur Netz-Taskforce

18.2.2012, 17:46 Uhr

Über das Blog von Thomas Stadler bin ich soeben auf einen taz-Text von Falk Lüke, gestoßen, in dem Lüke sich Gedanken über die Zukunft des deutschen Netzaktivismus macht. Zur Einordnung: Sowohl Stadler als auch Lüke gehören aus meiner Sicht nebst einigen anderen zu den treibenden Kräften in einem Gebilde, was ich der Einfachhalt halber “Netzaktivismus” nenne und zu dem ich mich seit gut vier Jahren ebenfalls zähle.

Wir brauchen diese Debatte alleine schon deshalb, weil sie helfen wird, poröse Stellen in unserem Fundament zu stopfen und effektiver zu werden.

Hinsichtlich der Zukunft des deutschen Netzaktivismus stellt Lüke fest:

“Die bisherigen Strukturen sind viel zu schwach, um die Bewegung von einer reagierenden zu einer agierenden Kraft der Politik zu machen und die Bewegung in die Lage zu versetzen, dauerhaft und aktiv in das politische Geschehen einzugreifen.”

Lüke fordert die Professionalisierung des Netzaktivismus und führt als Vorbild die schlagkräftige Umweltorganisation Greenpeace heran. Lüke bläst damit ins selbe Horn wie schon sein Kollege aus der Digitalen Gesellschaft, Markus Beckedahl, der im Gespräch mit dem Journalisten Phillip Banse im Medienradio ebenfalls von der Professionalisierung des deutschen Netzaktivismus im Sinne einer Kampagnenfähigkeit sprach.

Stadler sieht diese Art der Professionalisierung eher skeptisch:

“Greenpeace ist großartig, aber es kann und wird kein Vorbild für den Netzaktivismus sein. Der schnell anschwellende Protest gegen ACTA hat gerade erst gezeigt, dass die Mechanismen im Netz andere sind und sich die Dynamik aus vielen unterschiedlichen Quellen speist. Es ist eher das Prinzip des Schwarms, wie es beispielsweise Wikipedia verkörpert, und es sind weniger einzelne Vereine und Organisationen, die den Onlineprotest vorantreiben.”

Wo der Netzaktivismus meiner Meinung nach hingehen muss:

Interessanter Weise erscheinen mir die scheinbar widersprüchlichen Marschrouten Stadlers und Lükes bei Lichte betrachtet keinesfalls einander entgegen zu stehen. Wenn ich nur auf meinen vierjährigen Netzaktivismus-Horizont zurückblicke, stelle ich fest, daß die von der Netzöffentlichkeit ausgehenden Aktionen ihre Ursprünge letztlich fast immer in einigen wenigen üblichen Verdächtigen fanden. Dabei spreche ich noch nicht einmal zwangsläufig von den großen Events, wie beispielsweise der Petition gegen das Zugangserschwerungsgesetz, sondern durchaus auch von kleinen Aufmerksamkeitswellen, die in bestimmten Sachfragen die Richtung der öffentlichen Meinung mitbeeinflussen – ein Effekt der sich im Grunde jede Woche beobachten lässt.

Mit “üblichen Verdächtigen” spreche ich von jenen, die sich aufgrund ihrer Sachkenntnis und damit Glaubwürdigkeit im Laufe der Zeit buchstäblich ein eigenes Gefolge aufgebaut haben. So trivial es auch klingen mag: Menschen, wie Markus Beckedahl, Mario Sixtus, Udo Vetter, Michael Seemann, Frank Rieger oder eben Thomas Stadler haben gemeinsam, daß sie jeder für sich alleine betrachtet schon über ihre Twitter-Accounts mehrere Tausend Menschen erreicht. Zwar sind die 76.000 Follower eines Markus Beckedahl zweifelsfrei eine andere Größenordnung als die 6.500 eines Thomas Stadler, doch auch bereits ich mit meinen gerade einmal 1.800 konnte in Vergangenheit schon mehrfach erfahren, daß man damit durchaus “etwas anrichten” kann.

Etwas anrichten – genau das wollen wir im Grunde doch! Wenn man mit Hilfe des Netzes etwas anrichten will, kommt man nicht drum herum, ein Gefolge engagierter Menschen um sich zu scharen, die einem dabei helfen, weil sie an eine gemeinsame Idee glauben. Es nützt eben nichts, wenn eine umsichtige, weitsichtige, belesene und intellektuelle Netz-Elite kapiert, daß beispielsweise das Konzept des geistigen Eigentums ziemlich fragwürdig ist, während alle anderen Menschen auf Parolen über den Diebstahl des selbigen hereinfallen und folglich gegen eine Verschärfung des Urheberrechts überhaupt nichts einzuwenden haben („trifft ja schließlich schon die vielen Leute, die geistiges Eigentum stehlen!“).

Unser Wissen ist unser Schwert. Die Menschen um uns herum sind unsere Streitwagen, die es uns überhaupt erst ermöglich, uns die Regierung, die Lobbyverbände, die Konzerne, kurz – die Mächtigen der Prä-Internetzeit – zur Brust zu nehmen. Ja, wir brauchen unbedingt eine Professionalisierung unserer Aktivitäten. Daß nahezu 100.000 Menschen deutschlandweit teilweise bei Minusgraden gegen ACTA auf die Straße gingen, Campacts Appell gegen ACTA selbst nach einigen Tagen bisher jedoch bloß 56.000 Unterzeichner fand, führe ich auf eine Schwäche in unserer Motivationsfähigkeit zurück. Wenn 100.000 Menschen auf die Straße gehen, sollten mindestens 100.000 Menschen auch bereit sein, diesen Appell zu unterzeichnen. Eigentlich sogar noch weit mehr. Ich schlussfolgre, daß wir unsere Mitstreiter (unsere Follower) stärker dazu auffordern müssen, selbst aktiv zu werden. Bei der Verbreitung einer Aufforderung „Unterschreibt diese Petition!“ darf sich der Informationsfluss eines Netzaktivisten nicht darin erschöpfen, daß er diesen Tweet absetzt, woraufhin 5% seiner Follower dem Aufruf Folge leisten und die zehn anderen Netzaktivisten sich denken „Ach, wenn der das schon verbreitet hat, dann brauche ich das nicht mehr machen“. Da muss jeder einzelne zum Motivator werden – ansonsten lassen wir zu viel zu viel Potenzial einfach ungenutzt.

Das ist aber nur eine Kleinigkeit. Wie erklärt es sich, daß die D64 auf Facebook gerade einmal 500 Freunde hat, während ihre Protagonisten alleine über Twitter mehrere Tausend Menschen erreichen? Das gleiche Bild sehe ich auf Facebook bei der Digitalen Gesellschaft. Da muss noch deutlich an der Substanz gearbeitet werden und zwar nicht nur von den Protagonisten selber, sondern von jedem einzelnen Sympathisanten. Eine Graswurzelbewegung breitet sich nicht aus, indem man darauf wartet, daß irgendwer schon irgendetwas machen wird – da muss jeder einzelne, der an die gemeinsame Idee glaubt, seinen Beitrag leisten. Dazu müssen wir unsere Sympathisanten anfeuern! Nicht träge werden, Remmidemmi machen! Und bei all dem spreche ich bisher bloß von den Aktivitäten im Netz. Über Aktivitäten auf der Straße schweige ich mich mangels eigener Erfahrungswerte aus – aber der ACTA-Protest darf sicherlich als Beispiel genommen werden, daß es auch hier wohl noch einiges zu holen gibt.

Wenn die Vorstellungen, die Markus Beckedahl im Medienradio hinsichtlich der Professionalisierung des Netzaktivismus ausgebreitet hat, Wirklichkeit werden – und ich gehe davon aus, daß sie Wirklichkeit werden, – dann sind wir darauf angewiesen, daß wir möglichst viele Menschen erreichen und einen möglichst konsistenten Informationsfluss organisiert kriegen, der unter möglichst vielen Sympathisanten einen Konsens erzielt, der schließlich in gemeinsamen spontan koordiniertem Handeln mündet.

Lükes Forderung, die Strukturen zu stärken, und Stadlers Forderung, auf den Schwarm zu setzen, sind zwei Seiten derselben Medaille. Das individuelle Mitglied des Schwarms ist schließlich zu keinem Zeitpunkt gezwungen, den Meinungsführern bei jeder Aktion zu folgen. Es sollte aber möglichst über jede einzelne Aktion zumindest Bescheid wissen. Daran müssen wir arbeiten!

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Interessiert an Bürgerrechten und Netzpolitik. In der IT-Branche tätig. Parteilos, zumindest was die Parteien anbelangt.

Ich mag süße Kätzchen sehr.
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6 Kommentare

  1. Netzaktivismus – professionell oder spontan? bei Metronaut.de – Big Berlin Bullshit Blog schreibt:

    [...] Peter Piksa hat sich über die Zukunft des Netzaktivismus Gedanken gemacht und findet die Synthese zwischen Thomas Stadler und Falk Lüke: professionalisieren ist genauso wichtig wie die Spontanität des Schwarms. Genau so ist es! [...]

    19.2.2012 um 6:17

  2. Netz-Greenpeace? » Engeln.de schreibt:

    [...] wünschen und vielleicht auch deshalb mag mancher in der Debatte eher einen vermittelnden Standpunkt suchen. Ich bin jedoch offen gesagt skeptisch, ob es zum Beispiel der “Digitalen [...]

    19.2.2012 um 16:39

  3. Christian Scholz schreibt:

    Was wir vor allem brauchen, ist eine Diskussion und eine Ausarbeitung von Inhalten. Da braucht es wahrscheinlich Strukturen und Ressourcen, jedoch müssen diese dann auch transparent arbeiten, so dass man mitarbeiten kann. Einfach blind irgendwelchen Kampagnen zu folgen, die ja naturgemäß sehr vereinfacht daherkommen, reicht meiner Meinung nach nicht.

    Es wird ja immer so getan, als wären die Forderungen klar, aber das kann ja eigentlich gar nicht sein, da noch alles so im Fluss ist und sich die Gesellschaft erst einmal auf die neuen Gegebenheiten einstellen muss. Und daran hängen die Forderungen. Daher brauchen wir erstmal eine kontinuierliche Diskussion und viel mehr Information und keine Kampagnen oder noch mehr intransparente Lobbyarbeit.

    21.2.2012 um 9:35

  4. Protokoll vom 25. Februar 2012beiTrackback schreibt:

    [...] Einmal mit…!? Peter Piksa über die Professionalisierung des Netzaktivismus [...]

    25.2.2012 um 18:19

  5. TRB 267: Anonymous, Mexiko, Gauck, Aktivistenprofis, Moving TargetbeiTrackback schreibt:

    [...] Anatol Stefanowitsch und seine Kritik an der Gauck-Kritik-Kritik 0:50:13 Peter Piksa über die Professionalisierung des Netzaktivismus 1:04:14 Carola Heine hat/ist ein Moving [...]

    25.2.2012 um 21:07

  6. @thelepathy schreibt:

    Auch für den Netzaktivismus gelten die Worte von Mahatma Gandhi:

    “Policy is not about enlightening the people. They already possess the enlightenment. It’s about getting people to ACT on what they already know is wrong.”

    18.3.2012 um 18:41

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