“Geistiges Eigentum”: Weshalb Autoren und Prosumenten Seite an Seite stehen
Der meinerseits geschätzte Journalist Peter Welchering hat heute einen sehr lesenswerten Beitrag zur Urheberrechtsdebatte veröffentlicht, in dem er ein besonders anschauliches Beispiel für den Machtmissbrauch der Rechteverwerter aufführt und trotzdem zur Verteidigung des “geistigen Eigentums” ausholt. Ich bin überzeugt, daß Welchering und ich im Grunde dasselbe wollen und ich wage den Versuch es zu erklären. Weil meine Antwort an Peter für die Kommentarfunktion seines Blogs zu lang ist, veröffentliche ich sie hier:
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Lieber Peter,
zunächst einmal Danke für diesen Text. Ich wünsche mir allgemein mehr solcher Beiträge. Nicht etwa, weil ich in jedem Punkt mit Dir übereinstimme, sondern weil Du so eindrucksvoll das Problem aus Deiner Sicht beschrieben hast.
Du kennst meine ablehnende Position zur Konstruktion des “geistigen Eigentums” und Du weißt, daß ich logisch folgernd auch den Kampfbegriff “Diebstahl geistigen Eigentums” ablehne. Interessanter Weise stehen wir, auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht, prinzipiell Seite an Seite.
Du bist Werkschaffender und erwirtschaftest mit Deinen Werken Deinen Lebensunterhalt. Natürlich ist es verständlich, daß Du ein Ökosystem brauchst, bei dem Du Dich darauf verlassen kannst, daß bestimmte Spielregeln gelten und von den beteiligten Akteuren auch eingehalten werden. Du brauchst einfach die Gewissheit, daß Deine Werke, sofern Sie von jemand anderem, der damit Geld verdient, verwendet werden, auch Geld in Deine Kasse spülen. Das sei Dir uneingeschränkt gegönnt. Ich kenne auch niemanden, der damit ein Problem hätte, und selbst wenn, wüßte ich keine Argumentation, mit der man hier eine Ablehnung nachvollziehbar rechtfertigen könnte.
An Deinem Beispiel wird ein Punkt besonders deutlich, der bereits seit längerer Zeit von zahlreichen Kritikern des aktuellen Urheberrechts aufgeführt wird, sei es von Dr. Till Kreutzer in seinem Vortrag zur Republica 2011, sei es von Stefan Niggemeier oder in solchen Beiträgen im Freischreiber: Das Urheberrecht vermag Werkschaffende angesichts dominant auftretender Rechteverwerter faktisch kaum noch zu schützen, jedenfalls nicht, wenn man nicht per Rechtsbeistand die Konfrontation eingeht. Und selbst wenn man, wie Du, die Konfrontation eingeht und “gewinnt”, ist es letztlich doch nur eine Frage der Zeit, bis man als einzelner Autor von diesem Abnutzungskampf gegen dominante Rechteverwerter schlicht zu müde und erschöpft ist, als daß man ihn ewig weiterführen könnte. Deswegen habe ich das Wort “gewinnt” auch in Anführungsstriche gesetzt. Es ist kein richtiger Gewinn. Es ist ein Zermürbungskampf, den Du als einzelner Autor auf Dauer nicht gewinnen kannst.
Es ist doch so: Als Teil der Zivilbevölkerung, bin ich daran interessiert, daß es Journalisten wie Dich gibt, die sich hauptberuflich damit beschäftigen, die Funktion der vierten Macht mit Leben zu füllen. Ich schätze die Arbeit aufrichtiger Journalisten außerordentlich und ich will, daß sie von dieser ehrbaren Berufung ordentlich leben können! Genau aus diesem Grund stelle ich besorgt die Frage, warum es euch Journalisten zusehends schlechter geht – und die Antwort wurde bereits genannt: Weil ihr von den Rechteverwertern entrechtet und ausgenommen werdet. Was Dich als Journalisten und mich als normalen Nutzer verbündet, ist letztlich zweierlei: Erstens, daß wir einander brauchen und zweitens, daß wir einen gemeinsamen Gegenspieler haben – die Rechteverwerter.
Sie sind diejenigen, die zunehmend ausbeuterisch agieren und den Anschein erwecken, als müßte der Begriff “Solidarität” aufgrund Überkommenheit bald aus dem Duden gestrichen werden. Sie sind diejenigen, die zunehmend den Konsens der gemeinsamen Zusammenarbeit verlassen und zunehmend geistlos Molekül für Molekül Partikularinteressen durchpeitschen wollen, ohne den Blick auf das gemeinsame Hand-in-Hand zu richten. Und sie sind letztlich auch diejenigen, die davon profitieren, wenn Monopolrechte auf Immaterialgüter allem Unsinn zum Trotz als “geistiges Eigentum” bezeichnet werden und schon beim unbedarften Rezipienten dieses Wortes Assoziationen mitschwingen, die fälschlicherweise nahelegen, daß Immaterialgüter genauso wie Materialgüter gehandhabt werden könnten. Daß das eben nicht geht, und warum das nicht geht, hat beispielsweise Kirby Ferguson in einer sehr eindrucksvollen vierteiligen Filmserie, die den Titel “Everything is a Remix” trägt, erläutert.
Sieh mal: Niemand, der aus naheliegenden Gründen die Begrifflichkeit “geistiges Eigentum” als des Teufels brandmarkt, will Dich geprellt sehen. Wenn es nach mir ginge, sollten Journalisten und generell alle Werkschaffenden enorm gestärkt werden – nicht zuletzt schon um euch aus dem Würgegriff der Rechteverwerter zu verhelfen, die euch doch nur das Leben schwer machen und einen unangemessen großen Teil des Kuchens lieber selber essen, anstatt gebührend mit euch zu teilen!
Aber ist es denn für Dich als Werkschaffenden nicht verständlich, daß jemand wie ich “geistiges Eigentum” (mit all seinen fatalen Folgen) ablehnen und gleichzeitig Werkschaffende stärken will?
Wir stehen doch im Grunde Schulter an Schulter.