Blog von Peter Piksa

Netzneutralität: Jetzt haben wir den Salat!

12.6.2012, 12:50 Uhr

Kabel Deutschland schreibt in seine AGB nun, daß wer 10GB Traffic über Filesharing am Tag überträgt, eine Drosselung seiner Bandbreite erfährt. DAS ist der Bruch der Netzneutralität, wie wir sie beklagenswerter Weise bereits in den mobileInternet-Tarifen vorfinden.

Und erinnert ihr euch noch an die Diskussionen zur Netzneutralität bei der Internet-Enquette, als von Grünen, Linken und SPD eine gesetzliche Festschreibung zur Wahrung der Netzneutralität gefordert wurde? Wisst ihr noch, wie CDU und FDP dagegen waren (und es noch heute sind)? Und wie sie euch wohl wissend darum, daß ihre fadenscheinige Argumentation uns eines Tages im Stich lassen würde, uns dem herannahendem Verderben ausliefern würde?

Genau DAS ist jetzt eingetreten, denn mit Kabel Deutschland verleumdet nun der erste ISP auf DSL-Basis das Prinzip der Netzneutralität und bekennt sich quasi offen dazu, Deep-Package-Inspection auf euren Datenpaketen anzuwenden, denn wie, wenn nicht über DPI könnte Kabel Deutschland den Durchsatz eures Filesharing-Traffics messen?

Jimmy Schulz (FDP), den ich sonst schätze, sagte einst unisono mit seinen Kollegen von der CDU, daß “der Markt es regeln” würde. Seht euch nun an, wie der Markt es regelt! Beim mobilen Internet sind Klauseln, die besagen, daß kein VoIP und kein Filesharing gemacht werden dürfen, bereits heute Standard. Wir erleben hier den Präzedenzfall im kabelgebundenen Internet. Und es war abzusehen und ich und die Digitale Gesellschaft und Fefe und jene, die auf netzpolitik.org schreiben, haben davor gewarnt!

Und behaltet sie für euch, eure Anwürfe, daß “10GB ja doch immerhin verhältnismäßig viel” sind. Ihr seid dem Unheil ausgeliefert, wenn es Anbietern prinzipiell möglich ist, solche Klauseln basierend auf dem Traffic, den eine bestimmte Geräteklasse, ein bestimmtes Programm, eine bestimmte Quell- oder Zieladresse verursacht, durchzusetzen.

Nehmt diese Warnung an, denn das wird bloß der Anfang sein und lasst euch nicht in die Irre leiten von jenen, die predigen, daß die “unsichtbare Hand des Marktes” sich des Problems annehmen wird, und von jenen, die behaupten, daß in Deutschland Deep-Package-Inspection angeblich keine Anwendung fände. Die sowas sagen, glauben es entweder wirklich, dann wissen sie es nicht besser; oder sie wissen es und lügen, dann sind sie von den Heuchlern und wollen euch irreleiten!

Nachtrag vom Abend des 12.06.2012:

Über Facebook kam der Einwand und die Frage, wie man zwischen (gutem) Traffic-Shaping und (bösem) DPI unterscheiden wolle. Das Problem besteht bereits in der Unterscheidung zwischen angeblich “gutem” Traffic-Shaping und dem (bösen) DPI. Es ist die Einsicht erforderlich, daß “gutes Traffic Shaping” bloß durch böses DPI zu bewerkstelligen ist. Wenn Kabel Deutschland jetzt behauptet, sie würden den Filesharingtraffic dadurch messen, daß sie ja bloß

“automatisch Gesamtverkehrsvolumenmessungen”

durchführen, dann ist das eine abscheuliche Lüge, denn sie wissen sehr genau, was sie tatsächlich getan haben!

Moderne BitTorrent-Clients wechseln ihre Ports und verschlüßeln ihren Traffic, sodaß der Provider, will er denn messen, wie viel Traffic auf das Konto von Filesharing geht, kein geringeres Geschütz auffahren muss, als eines, das ihm erlaubt, in die Header hineinzusehen und/oder Muster im Datenstrom zu erkennen, die den Rückschluß zulassen, daß der betrachtete Traffic kryptiertes BitTorrent sein muss. Das heißt sie machen DPI. Das heißt sie sitzen auf der technischen Möglichkeit unseren Traffic nach Lust und Laune zu diskriminieren, wie es die Deutsche Telekom bereits getan hat.

Ich bin grundlegend der Auffassung, daß wir den Providern nicht erlauben sollten, ein Internet zu verkaufen, was nicht der Spezifikation entspricht. Wir legen uns eine scheußliche Tretmine, wenn wir es gestatten, daß die Provider 20MBit liefern, wenn sie uns 30MBit verkaufen. Vielmehr sollen Provider dazu angehalten sein, tatsächlich das zu liefern, was sie verkaufen. Anderenfalls werden ihnen ihre Kunden zunehmend egal, weil sie darauf verweisen können, daß es ja “marktüblich” ist, daß man nur einen Anteil dessen bekommt, was man kauft.

Nein!, Provider sollen ihre Angaben so machen, daß sie möglichst nahe an die Realität kommen und wenn aufgrund der schlechten Leitungen statt 30MBit bloß 20MBit rauskommen, soll es für uns Kunden durchsetzbar sein, daß wir auch nur Zweidrittel des Preises zahlen.

Wenn wir Shaping gegenüber jetzt affirmativ entgegenstehen, fügen wir uns aus Verbraucherperspektive damit selbst eine Wunde zu. Traffic-Shaping ist auch nicht alternativlos. Die Alternative lautet:

“Schreibt realitätsnahe Angaben auf eure Produkte (und gebt Preisnachlässe, wenn ihr nicht liefern könnt!)”.

Noch greifen die Maßnahmen von Kabel Deutschland nicht in einem Maße, daß es unangenehm spürbar ist, doch schon bald könnten sich über der heilen Welt dunkle Wolken ausbreiten, sobald sie merken, daß sie sich auch noch mehr an Beschränkungen als das bisherige herausnehmen können, ohne daß etwas passiert. Heute shapen sie euren Traffic, wenn ihr 10GB Filesharing über die Leitung knallt, morgen kommt ihnen dann die Erleuchtung, daß sie BitTorrent und Co. ganz grundsätzlich in der Bandbreite beschränken könnten und übermorgen, …you name it.

Wenn wir DAGEGEN nicht opponieren, lassen wir ihnen die Rechtfertigungsgrundlage für allerhand erdenklichen Folgeeinschränkungen zu und sie werden sich darauf berufen, daß es ja schon längere Zeit so gelaufen ist. Sie schaffen jetzt die Fakten, die uns auf die Füße fallen werden, wenn wir die Provider nicht dazu zwingen, dem Best-Effort-Prinzip Treue zu erweisen und den Netzausbau voranzubringen.

Und die, die dem Zweiklassen-Internet das Wort reden, treffen sich Dezember diesen Jahres, um darüber zu konspirieren, wie sie ihre gemeinen Pläne Wirklichkeit werden lassen, siehe Spiegel Online von heute.

Ich bin mit Andreas Bogk, der fordert, daß große Provider schlicht dazu verpflichtet werden sollten, anständiges Peering anzubieten und nicht als maßlos eigennützige Wegelagerer aufzutreten. Dieser magentafarbene Riese ist das beste Beispiel dafür, daß hier Regulierung eingebracht werden muss.

Ein beachtlicher Teil des Problems ist auf die Peeringpolitik großer Anbieter zurückzuführen, die als raffgierige Wegelagerer auftreten. Bemerkenswert ist doch, daß immerzu von erschöpften Datenleitungen gesprochen wird. Hier mal ein Abgleich mit der Realität, den ich Dezember 2010 gepostet habe – am Beispiel des DE-CIX.

Die Quintessenz hieraus:

“Die Peering-Bandbreite des DE-CIX beträgt nach eigenen Angaben also bis zu 40 TBit/s. [...] Der Tagesstatistik ist zu entnehmen, dass der Durchschnitt bei 0.68 TBit/s liegt. Der Spitzenwert liegt bei 1.47 TBit/s. Beide Werte sind weit von der zur Verfügung stehenden Bandbreite von bis zu 40 TBit/s entfernt.”

Ok, der DE-CIX ist nicht der Provider X, aber es wird deutlich, wie viel Luft in der in Rede stehenden Liga noch ist.

Und Kabel Deutschland fährt diesen Kurs nicht erst seit jetzt. Sie haben auch in Vergangenheit schon Dinge getan, von denen sie wussten, daß sie scheußlich sind und wenn man sie darauf angesprochen hat, haben sie gewinselt und lamentiert, siehe Heise Online.

Genau so lamentieren sie jetzt wieder, sinngemäß:

“Nein, wir finden nicht über DPI heraus, wer wie viel BitTorrent-Traffic macht, nein, das machen wir über Gesamtverkehrsvolumenmessungen.”

Oho, “Gesamtverkehrsvolumenmessungen”, IST JA BEEINDRUCKEND das Wort! Und wie genau messt ihr dort, wie hoch das Filesharing-Aufkommen ist, zumal moderne BitTorrent-Clients ihre Ports wechseln und verschlüßeln? Richtig: Ihr guckt dafür in die Header rein, wem wollt ihr etwas vormachen?

Und das alles wird bloß der Anfang sein, wenn wir die Provider jetzt ungestraft laufen lassen.

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Interessiert an Bürgerrechten und Netzpolitik. In der IT-Branche tätig. Parteilos, zumindest was die Parteien anbelangt.

Ich mag süße Kätzchen sehr.
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3 Kommentare

  1. Niedermeyer schreibt:

    Übrigens tappen die Mobilfunkanbieter gerade in eine Falle. Mit Joyn bieten sie einen Messagingdienst an und bleiben gleichzeitig bei der Position VOIP zu verbieten.

    Damit nutzen sie jetzt eine marktbeherrschende Stellung aus und behindern Mitbewerber. Während es vorher “nur” um Netzneutralität ging, sollte es jetzt für ein Verfahren gegen die Telekoms reichen.

    13.6.2012 um 10:15

  2. Lektionen in Politsprech: Die Bundesregierung und die Netzneutralität « DIGITALE LINKE schreibt:

    [...] kurzem wurde unter anderem hier ein Aufschrei laut, dass die Netzneutralität in Deutschland mal wieder gebrochen wird. Kabel Deutschland hatte [...]

    25.6.2012 um 15:48

  3. Bundesregierung will von Kabel Deutschlands Verstoß gegen die Netzneutralität nichts wissen » Blog von Peter Piksa schreibt:

    [...] einigen Tagen habe ich kommentiert, daß Kabel Deutschland seinen Kunden mit einer Einschränkung ihrer Bandbreite droht, sofern diese [...]

    25.6.2012 um 18:49

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