Blog von Peter Piksa

DB: Es kann nicht sein, was nicht sein darf!

29.9.2012, 10:17 Uhr

Es entwickelt sich zurzeit eine spannende Geschichte rund um das Thema Open Data. Protagonisten sind der Open-Data-Aktivist Michael Kreil und niemand geringeres als der Deutsche Bahn Konzern.

Was den Stein ins Rollen brachte: Michael Kreil wollte die Deutsche Bahn davon überzeugen, sämtliche Fahrplandaten für jedermann im Rohformat ins Netz zu stellen. Ziel sollte sein, daß jeder, der kann und will, daraus sinnvolle Applikationen entwickelt und diese wiederum der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Gemeint sein könnten neue Fahrplanauskunftssysteme, Visualisierungen und vieles andere mehr. Was man daraus machen könnte, fände lediglich im Ideenreichtum der unzähligen engagierten Menschen da draußen seine Grenzen.

Klingt soweit eigentlich sehr gut. Nicht jedoch für die Deutsche Bahn. Die lud Michael Kreil zwar zu einem Gespräch mit ihrem Vorstand ein, der sich auch erzählen lies, warum Open Data toll und nützlich und sogar für die Bahn von Vorteil wäre, wiegelte letztendlich aber ab. Vorgeschoben wurden hauptsächlich solch kaum nachvollziehbare Begründungen wie, “Wenn jeder mit den Daten machen kann, was er will, könnten plötzlich Auskünfte im Netz auftauchen, die nur unzureichend funktionieren und damit ein negatives Licht auf uns fallen lassen”. Nun mag eine auf diese Weise begründete Ablehnung zwar auf den allerersten Blick schlüßig erscheinen, doch je länger man darüber nachdenkt, die Vor- und Nachteile aller beteiligten Parteien abwägt, desto stärker drängt sich der Schluß auf, daß die Veröffentlichung der Daten für alle von Vorteil wäre.

Was nicht passt, wird passend gemacht: Kreil stellte die Bahn vor eine Wahl. Sinngemäß ging das so: “Entweder ihr veröffentlicht die Daten, oder ich veröffentliche sie”. Das Lustige in diesem Zusammenhang: Zu diesem Zeitpunkt waren die Daten bereits veröffentlicht, und zwar in einer Offline-Bahnauskunft – und das sogar von der Deutschen Bahn selbst. Kreil lud sich also vom Deutsche-Bahn-Server die Daten runter, wandelte sie in ein handlicheres offenes Format um und stellte sie mit samt einiger erster Showcase-Applikationen ins Netz:

Das Verkehrsnetz in Deutschland Nachverkehr in Berlin und Brandenburg

Die Deutsche Bahn is not amused: In einem offenen Brief beklagt Birgit Bohle vom DB-Vertrieb, die Veröffentlichung der Daten und wird nicht müde zu betonen, daß es sich hierbei um einen Rechtsbruch handele und man unter diesen Umständen die Kooperation mit Kreil einstellen würde. Worin diese eigentlich bestanden haben soll, wird nicht so richtig klar – zumal vor dem Hintergrund, daß man sich Kreils Vorschläge zwar angehört, letztlich jedoch rundherum abgelehnt hat.

In Folge 38 des Netzpolitik-Podcasts “Logbuch Netzpolitik” erklärt Michael Kreil den gesamten Vorgang inkl. vieler Zusammenhänge. Es wird klar, daß die Deutsche Bahn augenscheinlich selbst nicht so richtig begründen kann, was genau an der Veröffentlichung der Daten zu schädlich ist. In dem Podcast wird aus meiner Sicht sehr zu Recht darauf hingewiesen, daß besonders auch behinderte Menschen von neuen Applikationen profitieren könnten. Auskünfte der Deutschen Bahn sind nach den Angaben von Open-Data-Aktivisten und Interessenvertretern behinderter Menschen schlicht mangelhaft weil wahlweise unvollständig, fehlerhaft oder gar nicht existent.

Insgesamt kann ich über das Gebaren der Deutschen Bahn nur mit dem Kopf schütteln. Statt die Daten für jedermann zur Verfügung zu stellen und Michael Kreil einen gut bezahlten Arbeitsvertrag anzubieten und letztlich für alle Beteiligten einen Benefit zu generieren, stellt sie sich quer. Daß es auch anders geht, beweist der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. Der stellt seine Fahrplandaten bald im Berliner Open Data Portal online.

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Interessiert an Bürgerrechten und Netzpolitik. In der IT-Branche tätig. Parteilos, zumindest was die Parteien anbelangt.

Ich mag süße Kätzchen sehr.
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3 Kommentare

  1. JST schreibt:

    Was ich nicht ganz nachvollziehen kann: Warum geht Herr Kreil erst auf die Bahn zu, um dann auch ohne ihre Zustimmung die Daten zu veröffentlichen? Du schreibst oben selbst “Kreil stellte die Bahn vor eine Wahl. Sinngemäß ging das so: “Entweder ihr veröffentlicht die Daten, oder ich veröffentliche sie”.”

    Das liest sich, als wäre das etwas erpresserisch gelaufen. So funktioniert doch Dialog dann auch nicht. Sobald man nicht seine Ziele auf direktem Wege durchgesetzt bekommt, einfach trotzdem machen? In vielen Fällen würde jeder privat auch den Dialog abbrechen – oder etwa nicht?

    Ich bin kein Fan der Kommunikation der Bahn, ich freue mich auch über das Engagement von Herrn Kreil. Ich kann die Art und Weise aber nicht nachvollziehen.

    Darüber hinaus wird auch in deinem Text nicht auf mögliche rechtliche Risiken eingegangen. Die Bahn soll Daten freigeben. Das ist sicherlich sinnvoll und gut. Stellt sich aber aus Konzernsicht die Frage, ob da nicht erst eine Klärung der möglichen Haftungsrisiken stattfinden muss.

    Was ic an deinem Text also krisitiere: Es ist einfach eine Meinung zu haben und sich auf die Seite der Aktivisten zu stellen. Es ist aber viel spannender, zu klären warum das Vorgehen der Bahn so ist, wie es ist. Aufklärung und anschließender Dialog wäre eben für mich der richtige Weg. Durch die Art, wie Herr Kreil vorgegangen ist, könnte er eventuell der Sache (die ich gut finde) geschadet haben.

    29.9.2012 um 11:14

  2. Peter Piksa schreibt:

    @JST: Von Erpressung zu reden, halte ich für unverhältnismäßig. Wenn ich es richtig sehe, wurden hier Daten veröffentlicht, die ohnehin de facto öffentlich zugänglich sind: Die Positionen sämtlicher Bahnhöfe sind bekannt (aber eben nicht in gebündelter Form herunterladbar); welche Zugverbindungen es gibt, ist ebenfalls öffentlich einsehbar (aber eben nicht automatisiert). Davon ausgehend, kann man Herrn Kreil keinen Vorwurf machen.

    Tatsächlich war sein Verhalten lobenswert. Kreil gab der Bahn durch seine Anfrage die Gelegenheit als kooperativer Mitspieler in Erscheinung zu treten, obwohl genau das eigentlich überhaupt nicht nötig war. Daß die Bahn sich weigerte, sagt etwas über sie aus; nicht jedoch über Herrn Kreil, der letztlich bloß ohnehin öffentliche Daten zusammengesammelt und in komprimierter Form veröffentlicht hat.

    29.9.2012 um 21:02

  3. KomischeSichtweise schreibt:

    Die Sichtweise ist doch recht einseitig. Die Bahn hat doch deutlich gemacht, dass sie vermeiden möchte, dass irgendwo veraltete oder falsche Daten im Netz rumschwirren und letztlich verärgerte Kunden produzieren. Die sind dann nämlich nur sauer auf die Bahn und nicht auf Herrn Kreil, der ganz entspannt meint, dass die “Daten für alle von Vorteil wären”.

    Das genau diese Sichtweise nicht abwegig ist, kann man derzeit beim sogenannten bundesgrid sehen: keine vernünftigte Pflege, Darstellung teilweise schlicht falsch, von der Oberfläche ganz zu schweigen. Da ist nach mehreren Monaten praktisch nichts passiert, außer das die Betreiber massiv PR machen, sich um den Nutzer aber nicht kümmern – soll er doch zusehen, wie er sich mit den falschen Daten hilft.

    Bei OpenBahn kann man nur froh sein, dass es dazu derzeit gar keine Oberfläche gibt, so gibt es glücklicherweise auch keine zufälligen Nutzer, die über Tante Google eintrudeln über den Zustand der Informationen getäuscht werden können.

    Verschwiegen wird im Artikelö auch, dass es nicht nur diese Offline-Version sondern natürlich auch eine umfassende Online-Auskunft der Bahn gibt. Eine wirkliche Idee für eine neue Nutzung der Daten wurde auch nicht aufgezeigt. Die Demo zeigt nur dass, was auch ein einfacher Verweis auf flightradar24.com oder marinetraffic.com auch erbracht hatte. Also echte Ideen fehlen offensichtlich.

    1.10.2012 um 15:42

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