Blog von Peter Piksa

Mai 21st, 2011

Die unbequeme Kriminalitätsstatistik 2010

Posted in Allgemein by Peter Piksa

Klickt man sich durch die Meldungen des Tages, lässt es einen erschaudern.

“Das Internet darf kein rechtsfreier Raum werden”, sagte denn auch Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) bei der Präsentation und plädierte abermals für eine entsprechende Vorratsdatenspeicherung.

heisst es in dem mit “So viele Straftaten im Netz wie nie zuvor” betitelten Artikel bei RP-Online. Und es geht weiter:

“Die nahezu ungebremsten Möglichkeiten, die das Internet eröffnet, schaffen spiegelbildlich auch mehr Anreize und Möglichkeiten zu ihrer missbräuchlichen Nutzung”, so der Minister.

Ich erinnere mich noch sehr genau, als es vor der Einführung der Vorratsdatenspeicherung hieß, diese sei ein zur Bekämpfung von Terrorismus und schwerster Kriminalität notwendiges Instrument der Strafbehörden. Bürgerrechtler, Datenschützer und eigentlich jeder, dessen Wachsamkeit ungetrübt war, schlussfolgerte schon seiner Zeit, daß die Vorratsdatenspeicherung gänzlich unverhältnismäßig ist und ihre Sympathisanten primär wohl andere Ziele verfolgen.

Nun lässt es sich kaum noch leugnen.

Rechtsanwalt Udo Vetter führt in seinem Kommentar zur gestrigen Veröffentlichung der Kriminalitätsstatistik und Bundesinnenminister Friedrichs Forderung nach der Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung aus:

Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil zur Vorratsdatenspeicherung klipp und klar gesagt, eine Vorratsdatenspeicherung ist höchstens dann verhältnismäßig, wenn Abruf und Nutzung der Daten auf “schwere Straftaten” beschränkt sind.

…und er bringt das Problem verständlich auf den Punkt:

Man kann munter rumdefinieren oder sich auf den Kopf stellen, aber mit keiner dieser Methoden wird man Klickbetrug, Cybermobbing oder Urheberrechtsdelikte auf die Stufe von Terrorismus und Mord katapultieren.

Besonders lesenswert erscheint mir in diesem Zusammenhang auch des Rechtsanwalt Thomas Stadlers Kommentar zur Kriminalitätsstatistik aus dem Jahre 2009. Schon seiner Zeit verzeichnete man einen rasanten Anstieg der Computerkriminalität, doch verschwieg man bei der ängsteschürenden Präsentation der Statistik, wie diese gestiegenen Zahlen eigentlich entanden. Stadler stellte 2009 hierzu fest:

Wenn der Staat neue Straftatbestände schafft, wie das beim sog. Abfangen von Daten (§ 202b StGB) geschehen ist, dann ist ein Anstieg der statistischen Kriminalitätsrate allerdings kaum zu vermeiden, denn schließlich wird ein Verhalten unter Strafe gestellt, das bislang straffrei war.

Doch viel bedeutender ist Stadlers Hinweis auf eine grundsätzliche Problematik:

Die deutsche Kriminalitätsstatistik ist ohnehin ein Problemfall, der leider in der Presse als solcher nie thematisiert wird. Denn die Statistik erfasst keineswegs nur die Fälle erwiesener bzw. verurteilter Straftaten, sondern vielmehr alle polizeilichen Verdachtsfälle. Hier fließen deshalb auch “Taten” ein, die keine sind. Selbst dann, wenn kein förmliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wird oder ein solches bereits nach kurzer Zeit wegen des Fehlens eines Tatverdachts eingestellt wird,  erscheinen diese “Taten” in der Statistik.

Das alles hinderte unseren Bundesinnenminister Friedrich nicht daran, weiterhin auf die Wiedereinführung der zu Recht auch aufgrund der Unverhältnismäßigkeit für verfassungswidrig erklärten Vorratsdatenspeicherung zu werben.

Fast gar nicht kommt zur Geltung, daß die Kriminalitätsstatistik in ihrer Gänze betrachtet, ein faktisch sehr beruhigendes Bild der Entwicklung der Kriminalität im Lande malt, denn

die Zahl der registrierten Straftaten ging im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung zurück.

So heisst es beispielsweise:

Auch bei den Gewalttaten ist demnach erneut ein Rückgang festzustellen – um 3,5 Prozent, ebenso die Zahl der tatverdächtigen Jugendlichen – insbesondere bei den Gewalttaten.

Die Autorin des RP-Artikels, Dana Schülbe, stellt zum Abschluss noch fest:

Allerdings bleibt bei dem einen oder anderen diesbezüglich ein bitterer Nachgeschmack, wenn man an die Überfälle in den Berliner U-Bahnen denkt.

Richtig – es ist für die eher konservativ ausgerichtete Presse aus dem Hause BILD oder Welt eben viel einfacher, Angst zu verbreiten, als ihrer Leserschaft scheinbar komplexe Sachverhalte zu vermitteln, die sich jedoch bei Lichte betrachtet als in Wahrheit gar nicht so komplex rausstellen:

Deutschland ist – nüchtern betrachtet – schlicht so sicher, wie es in seiner ganzen Geschichte wohl noch niemals gewesen ist. Eine Erkenntnis, die unseren Bundesinnenminister Friedrich und die Innenminister der Länder zufrieden stimmen sollte. Leider – und das ist die Krux – sind derart erfreudliche Meldungen den Forderungen nach mehr Eingriffsmöglichkeiten in die Privatsphäre der Bürger nicht zuträglich. Zum Ärger der Innenpolitik.

Mai 16th, 2011

Wie aus Informationen Macht erwächst

Posted in Allgemein by Peter Piksa

Datenschutz ist aus meiner Sicht ein gesellschaftliches Werkzeug zur Austarierung von Machtverhältnissen innerhalb einer Gesellschaft.

Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Dem Arbeitgeber müssen nicht gegen den Willen des Arbeiters Möglichkeiten offen stehen, seines Arbeiters politische Orientierung in Erfahrung zu bringen. Der Arbeiter ist zur Verrichtung seiner Arbeit angestellt und hierfür ist seine politische Orientierung irrelevant. Wüßte der in diesem Beispiel politisch rechtsautoritär gesinnte Arbeitgeber, daß sein Arbeiter ein aufgeschloßener Liberaler oder vielleicht Linker ist, könnte er dieses Wissen über seinen Angestellten zur Kündigung missbrauchen.

Datenschutz kann dabei helfen, zu verhindern, daß der Arbeitgeber an das Wissen über die politische Orientierung seines Arbeiters kommt. In diesem Fall schützt der Datenschutz den Arbeiter vor der Machtausübung durch den Arbeitgeber. Daher sehe ich Datenschutz ist ein Werkzeug zur Austarierung von Machtverhältnissen innerhalb unserer Gesellschaft an.

“Es bedarf konkreter Gegenwehr, denn jeder Datensatz, den wir irgendwo angeben, kann gegen uns verwendet werden.”

dieses Zitat von Frank Rieger schmückt die Innenseite seines (und Constanze Kurz’) kürzlich erschienen Buches “Die Datenfresser”, dessen Anschauung auf Fragen der Privatsphäre meine Denkweise prägte. Dem gegenüber steht die Denkweise der Postprivatisten deren Utopie eine Welt ohne Privatsphäre ist.

Im Gespräch mich Michael Seemann und Christian Heller betonte ich in meinem gestrigen Artikel, daß bei der Austarierung von Machtverhältnissen innerhalb unserer Gesellschaft eine Machtasymmetrie zwischen Informationshabenden und Informationslosen entsteht, die den Informationshabenden der Verlockung des aus der Information erwachsenden Macht aussetzt.

Christian Heller gab via Twitter heute zum Besten, an der Zerlegung der Formel “Wissen ist Macht” zu arbeiten, da diese in ihrer Pauschalität und Undifferenziertheit unsinnig sei. (Ich stimme Christian übrigens zu!) Michael Seemann äusserte (womöglich durch eine mit mir vorrangegangene Diskussion in seinem Kontrollverlust-Blog) die Vermutung, Macht manifestiere sich im Wissensvorsprung respektive der Exklusivität von Wissen.

Meiner Meinung nach sind Informationsvorsprung sowie die Exklusivität von Information jeweils bloß einzelne Aspekte, die Machtungleichheit ausmachen können. Christian Heller bat mich, in Tweetformat zusammenzufassen, wie aus Information Macht erwächst. Mein Ergebnis lautet:

»Macht durch Information« manifestiert sich in der Möglichkeit Informationshabender, anderer Subjekte Selbstbestimmung einzuschränken.
@karpfenpeter
Peter Piksa

Ich verabschiedete mich bei obig stehender Definition vom Begriff des Informationslosen den ich noch im Kontrollverlust-Blog genutzt habe um auf die Ungleichheit zwischen dem Informationshabenden (dem potenziellen Missbraucher seiner Macht) und dem Opfer des Missbrauchs hinzuweisen. An die Stelle der “Informationslosen” rücken nun “andere Subjekte”.

Weshalb tat ich das? Hätte ich es bei “Informationslosen” belassen, hätte dies bedeutet, daß eine Einschränkung der Selbstbestimmung im Falle einer Informationsgleichheit ausgeschlossen wäre, was jedoch ein Trugschluss ist, denn selbst wenn der Informationshabende und das bis Dato noch als “Informationsloser” titulierte andere Subjekt plötzlich gleich viele Informationen besitzen, haben beide die Möglichkeit diese zu missbrauchen. Die Theorie, Information sei bloß so lange missbrauchbar, wie sie lediglich Ausgewählten zur Verfügung steht, ist für diesen Fall widerlegt.

Juli 5th, 2010

Privatsphäre im Internet: Ist Spurenbeseitigung möglich oder illusorisch?

Posted in Allgemein by Peter Piksa

Während heute die Enquete-Kommission für Internet und digitale Gesellschaft ihre vierte (öffentliche) Sitzung hatte, wurde irgendwann die Frage diskutiert, wie es denn eigentlich um die Möglichkeit steht, seine Daten im Netz zu löschen. More